Budapest – die Donauperle

7. Januar 2014
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Ich stehe mitten in der Nacht auf (okay, in meinem Fall kann das auch mal 9 Uhr bedeuten, bei meinen Arbeitzeiten und dem damit verbundenen Rhythmus sind solche Aussagen relativ), weil ich vor meiner Abreise noch das von meinen Eltern geliehene Auto zurück bringen muss und noch einige andere Dinge zu tun habe, bevor es los geht. Nachdem ich alles geschafft habe und das Auto in der Garage steht und ich eigentlich schon mit der U-Bahn los will, stelle ich fest, dass ich den Garagenschlüssel noch in meiner Jackentasche habe. Das darf jetzt nicht wahr sein, oder? Ich habe zum Glück immer ein bisschen Zeitpuffer, und das ist auch gut so! Denn jetzt muss ich mit der U-Bahn nochmal zu meinen Eltern fahren, was mich eine halbe Stunde kostet, und den gleichen Weg dann auch wieder zurück zum Nürnberger Hauptbahnhof. Dabei stelle ich dummerweise fest, dass die U-Bahn vor meiner Haustür gerade auf Grund einer Baustelle außer Betrieb ist. Ich muss einen Ersatzbus nehmen und am Hauptbahnhof Nürnberg umsteigen in die U-Bahn. Der Bus braucht gefühlte Stunden, und als ich dann endlich am Bahnhof bin steht da gerade die Bahn auf dem Gleis. Ich springe gerade noch rein und sie fährt in die falsche Richtung. Was ist das denn jetzt? Ich war doch am richtigen Gleis??? Nun ja, auf Grund der Baustelle fährt die Bahn momentan nur eingleisig und ich steige an der nächsten möglichen Haltestelle aus und warte auf meine Bahn in die richtige Richtung. Dieser Mist bedeutete für mich, dass ich den ganzen Fußweg von der Station bei meinen Eltern zu deren Wohnung, inklusive der Treppen hoch und runter mit meinem Backpack und Schlafsack auf dem Rücken gerannt bin. In Nürnberg steige ich vier Minuten vor Abfahrt in meinen Zug in Richtung Stuttgart, von wo aus mein Flug geht. Das war knapp!

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Warum von Stuttgart fliegen? Viel Geld hab ich für Urlaub nicht übrig, will aber unbedingt weg. Da hat mich das Blind Booking von Germanwings angelacht, und Stuttgart ist der nähste und somit am günstigsten zu erreichende Flughafen, von dem aus das möglich ist. Ich wählte einmal das Paket Kultur und einmal das Paket Metropole West und bekam Budapest und Wien zugelost.  Mein erster Flug geht nach Budapest, wo ich für drei Nächste couchsurfe und dann zurück nach Stuttgart, eine Nacht im bequemsten Bett der Welt (am Flughafen, was auch immer man da so zum Schlafen findet) , dann am nächsten Morgen nach Wien. Dort gehts in ein Hotel und im Anschluss wieder nach Stuttgart, um von dort dann per Zug nach Wiesbaden zu fahren und den Trip mit einem Besuch bei meinem Bruder abzurunden. Ein bisschen stressig, aber ich liebe solche Aktionen.

Ankunft und Landung bei Gewitter, Blitze um uns herum. Impressive. Aber das bedeutet auch: Regen. Ich hole Geld am Automaten und bekomme einen 5000er und einen 10000er. Das nimmt aber der Fahrkartenautomat für die Fahrt in die Innenstadt nicht, ist zu groß. Allerdings gibt es offensichtlich eine Menge netter Menschen, denn eine Gruppe Jugendlicher und eine etwas ältere Frau helfen mir auf Deutsch (ich versuche es erst erfolglos mit Englisch, doch sie fragen mich dann, ob ich auch Deutsch kann), sie haben Kleingeld und werfen ihr Kleingeld ein und ich gebe ihnen dafür drei Euro. Ist zwar mehr, als sie eingeworfen haben, aber ohne die Hilfe hätte ich zum Terminal zurück gemusst, um nochmal kleineres Geld zu holen – und das im Regen. Im Zug begegnet mir dann ein junger Mann mit Iro und Drumsticks in der Hand und fragt nach eine Zigarette.  Eine Reihe vor mir findet er 10000 Forint. Der Glückspilz. Warum hab ich die nicht gesehen? Ich gebe zwei blaue L&M ab, die sowieso bei mir schon im Regen gelandet waren und unterhalte mich noch ein paar Minuten mit ihm. Kurz frage ich mich, ob er mich nicht gerade ganz geschickt abgezogen hat, aber mein ganzes Geld ist noch anwesend, ich checke es als er wieder weg ist.

Mein Host Levente bekommt eine sms von mir, dass ich im Zug sitze und ist so lieb und holt mich vom Bahnhof Nyugati mit Auto und Schirm ab, nimmt mir den Rucksack ab etc. Gentleman like. Absolut. Seine Freundin geht sehr schnell schlafen, weil muss sehr früh aufstehen. Wir sitzen noch zuammen und unterhalten uns. Die Metro lerne ich also erst morgen kennen. Ungesicherte Drahtlosnetzwerke gibt es massenhaft, aber die sind so langsam, dass mein Netbook damit nicht funktioniert. Am Stuttgarter Flughafen habe ich mir ein Konto von der Telekom geholt, um einen Hotspot zu nutzen. Der Hotspot im nebenan gelegenen Einkaufszentrum ist aber nicht stark genug, um bis zu Leventes Haus (klasse Wohnung übrigens) zu reichen. Meine ersten Erfahrungen mit Wifi on the road waren also eher dämlich, oder noch besser: ich war zu dämlich, das vernünftig zu nutzen und realisiere erst später, dass es eigentlich überall kostenloses wifi gibt. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl des Hosts und happy, dass er mich angenommen hat. Wir sprechen einen Mix aus Deutsch und Englisch, was manchmal sehr komisch klingt. Wenn wir uns auf Englisch nicht verstehen, sagen wir es auf Deutsch. Er traut sich zunächst nicht, aber er spricht gut und taut dann langsam auf. 

Kuriosum am Rande: ich begieße mein Glas mit Holundersirup bis ich merke, es ist Sirup, weil er schon lacht. Pappsüß, aber dennoch lecker. Essen möchte ich nichts mehr, vor Allem, weil ich um diese Uhrzeit keine Umstände mehr bereiten möchte, aber wirklich Hunger hab ich auch nicht, obwohl heute noch gar keine richtige Mahlzeit vorhanden war, vom Milchbrötchen zum Frühstück mal abgesehen. 

Nach einer bequemen Nacht auf einem Sofa, das ich auch gerne hätte, bekomme ich einen Tee serviert. Danach mache ich mich auf in die City, mit der U-Bahn zu Nyugati und von dort zu Fuß weiter. Zunächst zur Donau und am Fluss entlang zum Parlamentsgebäude. Reingehen wäre reizvoll gewesen, wurde auf Grund der wartenden Massen aber verworfen. Ich finde dort ein Schild und frage mich, ob das nicht bei allen Ministerien der Fall ist:

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Später bekomme ich das übersetzt, es handelt sich schlicht um das Innenministerium. Naja, das eigene Volk muss man vielleicht ja auch mehr belügen als die Nachbarn.

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Also weiter an der Donau bis zur berühmten Kettenbrücke, dort drüber und dann steil nach oben. Da der Fußweg viele weitere Meter bedeutet hätte, wurde schlicht das Bergbahnticket gelöst. Zufällig komme ich um 12 mittags zum Wachwechsel am Sandorpalast an. Dann erkunde ich ein wenig das Gelände dort, die verschnörkelten Lampen und die Statuen und die Parkanlagen bis zum Budavari Palast.

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Als nächstes geht es in die ungarische Nationalgalerie, die ich von oben nach unten durch mache. Teils sehr interessante und beeindruckende Werke, teils sehr düster und erweckt die Stimmung: bloß weg hier. Zumindest ist es dort aber ruhig, was mir nach den letzten Tagen sehr gut tut. Nachdem es bereits mittags ist und ich inzwischen seit 24 Stunden nichts mehr gegessen habe, beschleicht mich der Hunger. Doch im Tourigebiet werd ich ganz sicher nichts kaufen, Preise doppelt so hoch wie ein paar Meter weiter. Auf dem Weg dieser paar Meter besuche ich noch eine presbyterianische Kirche mit sehr interessanter Architektur sowohl von außen als auch von innen. Schon alleine die Farben und Farbkombinationen der Dachziegel sind genial, und innen laufen 5 Blocke auf die Mitte zu, in der ein kreisförmiger Altar steht, über dem sich eine Kuppel befindet.

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Weitere paar Meter finde ich dann einen Supemarkt und hole erst mal was zu trinken und ein Sandwich. Danach bin ich schon pappsatt, mache aber erst mal ein bisschen Pause auf einem kleinen grünen Platz vor dem Supermarkt. Doch wenn ich im Grünen sitzen will, gibt es weit Besseres… ich mache mich also weiter auf den Weg zur Margitsziget. Dort genieße ich klassische Musik im Background, 29 Grad bei Sonne und den Blick auf vorbeiziehende Schiffe auf der Donau und ab und an auch den Klang des Springbrunnens hinter mir. Die Insel scheint unendlich lang zu sein, zumindest haben meine Füße das Gefühl. Ohne darauf gefasst zu sein, finde ich noch Ruinen, unglaublich große Bäume und Proben zum Musical Robin Hood. Beim Rückweg spare ich mir viel Laufarbeit, in dem ich wieder die Metro nehme.

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„Und, bist du bereit für das Budapest Nachtleben?“ fragt mich Levente, als ich wieder zurück komme. Ich bin hundemüde, aber ich will es trotzdem, also fahren wir zu dritt (er, seine Freundin und ich) in die City. Es gibt eine Stadtrundfahrt bei Nacht für mich. Einige Dinge davon habe ich tagsüber schon gesehen, Einiges ist neu. Beleuchtet sieht Alles gleich ganz anders aus. Leider haben wir es irgendwie ein bisschen eilig, und so kann ich nirgends Fotos machen, weil wir einfach überall vorbei fahren. Einen kurzen Stop legen wir ein, in einem Schuppen, von dem ich unglaublich begeistert sind. Er heißt Szimpla, und wie ich hinterher bei meiner Recherche feststelle ist das ein ziemlicher In-Schuppen. Ich finde ihn wunderbar alternativ, mit seinen verschiedenartigen Ecken und Themen. Lange bleiben wir nicht, weil die Freundin heute komisch ist und nachhause möchte. Dennoch habe ich einiges Schöne gesehen.

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Am nächsten Tag beschließe ich, einen BKV-Tag zu machen und kaufe ein 24-Stunden-Ticket, mit dem ich auch gleich das erste Mal kontrolliert werde. Das Ticket ist herrlich handgeschrieben!

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Ich fahre bis zum Umsteigeplatz in Richtung City und gehe dort erst mal an die Oberfläche und finde mich mitten zwischen herrlichen Gebäuden wieder. Zum ersten Mal besuche ich eine spezielle Stelle für Touristen, schließlich wollen die Omas und einige Andere eine Karte bekommen. Also Karten und Briefmarken gekauft. Stift hab ich aber keinen dabei, stelle ich fest. Das Schreiben muss also warten. Erste Sehenswürdigkeit des Tages ist eine gigantische Kathedrale, die Szent Istvan Bazilika. Auf der Stadtkarte fällt sie garnicht auf, aber sowohl von außen als auch von innen ist das Gesehene gigantisch.

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Dann wird erst mal gefrühstückt, in einem kleinen Laden hol ich mir ne Cola und ein Gebäckstück und setze mich in einen Park. Wenn wir schon bei Park sind, es ist hier alles extrem grün, auf der Pest-Seite. Ganz im Gegensatz zum Pendant auf der anderen Seite des Flusses. Nach dem Frühstück beginnt mein Metro-Hopping. Rein und gleich an der nächsten Station wieder raus, da gibts die Oper zu sehen. Dann wieder rein und an der nächsten Station wieder raus, Oktagon. Ein netter Platz mit Statuen, klasse Häusern und viel Verkehr. Ich steige wieder in die Bahn und fahre drei Stationen und den Rest des Weges zum Zwischenziel lege ich zu Fuß auf der Andrassy ut zurück, an einer Botschaft nach der anderen vorbei. Ich lande dann am Hösök tere, erinnert mich an Paris (Champs Elyssee) und Berlin (Siegessäule).

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Hinter dem Monument geht es dann rein in den Park und wieder tief im Grünen, von der kleinen Burg und dem darin befindlichen Museum mal abgesehen. Ich mache Mittagspause und ich schreibe mal alles auf, um nichts zu vergessen und schon erzählt mir mein Netbook mitten im Park, dass es Drahtlosnetzwerke gefunden hat. I love Budapest 🙂

Dann geht es noch ein ganzes Stück zu Fuß, bis ich mein Tagesziel erreicht habe: Das Szechenyi. Erst mal alles komisch im Szechenyi. Eintrittskarte mit Kabine oder mit Schrank? Wenn ich keine Kabine habe, wo ziehe ich mich dann um? Wenn ich eine Kabine habe, habe ich dann auch einen Schrank? Nun, die Kabine ist wie mein Zuhause, ich lasse alle Sachen einfach in der Umkleidekabine, die nur mit dem elektronischen Schlüssel geöffnet werden kann, der an meinem Handgelenk hängt. Alright. Sobald ich drin bin ab ins Wasser, erst mal paar Bahnen schwimmen und dann relaxen. Ich mache ALLE Becken durch, ebenso alle Saunen und Dampfbäder. Danach liege ich ein bisschen in der Sonne und bin wunderbar entspannt. Ich wäre übrigens nie auf die Idee gekommen, dass es sich bei diesem Gebäude um ein Schwimmbad handelt!

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Nach der Entspannung gehts noch einmal durch die City, aber schön bequem mit Linienbussen in die Vororte, denn ich will ja mehr von der Stadt haben als nur die restaurierten Sights. Zwischen den tatsächlichen Vororten und der City ist das Stadtbild ziemlich mies, Plattenbauten und kaputte Fassaden so weit das Auge reicht. Außerhalb wird es dann wieder beschaulicher. Generell ist Budapest ein herrlicher Mix zwischen Zukunft und Steinzeit. Riesige Bürokomplexe mit Glasfassaden große Softwarefirmen und dann wird an der Ubahn mit der Hand Kaufdatum und Uhrzeit auf meinem Ticket eingetragen.

Erwähnt werden sollte übrigens auch, dass ich in der ganzen Zeit hier kein Fußballstadion besucht habe, nur aus der Ferne hab ich mal Flutlichtmasten gesehen 🙂

Dann erlebe ich etwas sehr ungewöhnliches: Gewitter am Morgen. Es ist absolut schwarz, es regnet mehr als aus Kübeln und ich bin froh, dass ich noch etwas Zeit habe, bis mein Flieger geht. Doch dann hellt es plötzlich auf und ich habe noch Zeit zur Verfügung. Ich mache mich also noch einmal auf den Weg in die City, nach Leventes Tipp sehe ich mir das Terror Haza an. Schon beim Reingehen ein sehr beklemmendes Gefühl, das selbst auf ungarisch und mit nur wenigen englischen Untertiteln deutlich macht, wie viel Terror die Nazis und später die Kommunisten verbreitet haben. In meinen Augen ein absolutes Muss bei einem Besuch in Budapest.

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Im Anschluss besuche ich noch die Synagoge bevor ich mich auf den Rückweg mache, um mein Gepäck abzuholen. Und erfahre dort, dass ich einen Airport Shuttle bekomme. Köszönöm!

Auf dem Weg zum Flughafen fängt es dann wieder extrem an zu schütten, ich benenne das Auto um, es heißt ab sofort Schiff! So bin ich froh, dass ich zumindest vorübergehend nochmal die Möglichkeit hatte im Trocknen etwas zu unternehmen und natürlich besonders froh über den Transfer zum Flughafen.

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Abschließend kann ich sagen, dass ich Budapest sehr genossen habe und die Stadt mich ganz sicher wieder sehen wird.

Due to technical reasons we cannot start boarding – zum Glück ist heute noch nicht in einer Woche, wo ich nur 45 Minuten Zeit habe, um meinen Zug zu erwischen. Das Gewitter in Budapest ist ja inzwischen altbekannt und hat sich den ganzen Tag nicht verabschiedet, nur mal außen rum und wieder zurück. Der Pilot nannte es Lightning Activity, auf jeden Fall konnte unser Flugzeug nicht betankt werden, zu gefährlich. Mit einer guten Stunde Verspätung fliegen wir dann also los. Macht nichts, ist eher sogar gut, muss ich weniger Zeit am Airport rumsitzen oder rumliegen. Leider hat der Airbus zuviel Speed (850 km/h) und wir kommen mit nur 15 Minuten Verspätung an. Gut für Germanwings und all die, die um mich rum Angst hatten, die letzte S-Bahn nicht zu bekommen. Schlecht für mich. Mein Bett für die Nacht (falls diese Reinigungsmaschinen irgendwann mal aufhören, so nen Krach zu machen):

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