Hat München noch Tradition?

4. Mai 2016
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Wieder habe ich einen freien Tag genutzt, um mich im Umfeld meiner Heimat umzusehen. München war mir jetzt nicht ganz unbekannt, ich war schon mehrere Male dort. Früher sind wir nach München gefahren, um das dortige Imax-Kino zu besuchen, als Imax noch eine Rarität war. Und zum Fußball war ich einige Male dort, habe mehrere Stadien dort bereits besucht. Auch in der Innenstadt war ich schon unterwegs, aber so richtige Erinnerungen hatte ich nicht mehr. Deswegen war es an der Zeit, sich die Stadt noch einmal mit etwas erwachseneren Augen anzusehen.

München habe ich persönlich immer mit einem Gefühl von Arroganz verbunden, und das liegt nicht am dort ansässigen Fußballverein sondern an dem Gefühl, dass ich in der Stadt hatte. Dieses Mal habe ich es aber völlig anders empfunden, eher gemütlich und urig. Interessanterweise habe ich dieses Mal einen Haufen touristischen Programms mitgenommen, einfach nur weil ich dachte, dass man das auch gesehen haben müsse. Dabei habe ich dann festgestellt, dass es gar nicht wie vermutet ausschließlich touristisch ist, was ich als sehr angenehm empfand.

Wie auch bei meinem letzten Tagesausflug nutzte ich Flixbus, was mich für die Hin- und Rückfahrt insgesamt zehn Euro kostete. Ich habe nun gehört, dass es mit Megabus noch billiger geht, jedoch war ich mit meinem Flixbus ganz zufrieden.

Am Zob in München ist man nicht ganz zentral, hat aber direkten S-Bahn-Anschluss.

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Ich holte mir ein Tagesticket und machte mich auf den Weg in die Innenstadt, der Stachus war mein erstes Ziel. Dort befindet sich das imposante Bauwerk des Landgerichts sowie der botanische Garten. Letzteren ließ ich links liegen, da ich später auch noch in den englischen Garten wollte. Gegenüber des Gerichtsgebäudes beginnt mit einem Platz und einem Tor die Fußgängerzone.

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Die Fußgängerzone ist zunächst wenig spektakulär, es gibt die gleichen Läden wie überall sonst eben auch. Etwas später finde ich dann noch besondere Shops, wie zum Beispiel einen Laden, der von Porsche designte Uhren und Schuhe verkauft. Auffällig empfand ich die Weitläufigkeit der Fußgängerzone nicht nur der Länge nach sondern auch in der Breite. Nach wenigen Metern begegnete mir bereits die erste Brauerei, aber für ein Bier war es mir noch zu früh und außerdem hatte ich ja noch viel vor.

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Der Anblick des Biergartens mitten drin sowie die vielen Sitzgelegenheiten außerhalb dessen, rund um mehrere Tulpenbeete ließen die Innenstadt nicht mehr versnobt sondern gemütlich wirken.

Automatisch wurden meine Schritte langsamer und ich bekam mehr Blick für kleine Details, ein Gefühl von „viel Zeit“ und von Entspannung. Einkaufen ist nicht gerade mein Metier. Wenn ich einen Laden betrete, weiß ich bereits im Vorfeld was ich haben möchte. Ich schaue mir auch nicht zehn verschiedene Einzelteile für jeweils eine Minute an, wie viele Frauen das tun. Ich scanne die Umgebung schnell auf das, was ich mir vorgestellt habe. Wenn ich das nicht finde, bin ich innerhalb von Sekunden in einem Laden fertig. Wenn ich es finde, wird es anprobiert. Wenn es nicht passt, wird es sofort zurück gelegt und ich bin fertig. Wenn es passt, wird es gekauft. Es gibt kein „ich weiß nicht, nehme ich das?“, weil ich nicht einfach so shoppen gehe sondern nur dann, wenn ich es auch wirklich brauche. Also nehme ich es definitiv, wenn es passt. Zum Beispiel kaufe ich mir eine Jeans, weil ich einfach keine mehr habe. Da muss ich dann nicht lange überlegen. So ist Shoppen für mich zweckmäßig und nicht mit Freude verbunden. Umso erstaunlicher war es für mich, dass ich mich dann in München tatsächlich nach einem Dress für meine Hochzeit umgesehen habe – und auch fündig geworden bin. Mein Outfit kann ich leider noch nicht zeigen, da die Hochzeit noch bevor steht. Ich war durch das Einkaufserlebnis in München jedenfalls positiv gestimmt.

Folgt man der Einkaufsstraße, kommt man automatisch zum Marienplatz und damit auch zum Münchner Rathaus. Der dortige Balkon ist ja hinlänglich aus Meisterfeier-TV-Übertragungen bekannt. Zufällig kam ich aber zufällig genau zur Mittagszeit an und entdeckte eine Spieluhr am Rathaus. Menschenmassen tummelten sich bereits auf dem Platz, insbesondere italienische Schülergruppen. Interessant fand ich, dass die Spieluhr nicht um punkt 12 beginnt sondern erst, wenn alle Glockenklänge aus den umliegenden Kirchen verhallt sind. Ich dachte schon, dass sie gar nicht mehr in Betrieb ist, doch da sich die Menschenmassen nicht vom Fleck bewegten, blieb ich eben auch, in der Hoffnung dass doch noch etwas passieren würde, und das tat es auch! Die Uhr zeigt ein wirklich umfangreiches und langes kriegerisches Schauspiel und ist einen Besuch auf jeden Fall wert.

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Vom Marienplatz aus geht es innerhalb kürzester Strecke weiter zum ersten in meinen Augen richtigen Touristenspot, dem Viktualienmarkt. Ich habe schon gehört, dass viele Münchner tatsächlich dort einkaufen, wenn sie etwas Besonderes haben wollen. Ob das der Wahrheit entspricht, ist mir leider nicht bekannt. Einen so bekannten Markt stellte ich mir aber sehr touristisch vor, und tatsächlich fand ich einen ganzen Haufen Touristen, die entweder auf Grund ihres Gepäcks oder ihrer italienischen Sprache erkennbar waren. Gleichzeitig waren aber auch haufenweise Männer in Anzügen unterwegs, die dort ihre Mittagspause verbrachten. Es scheint dort also eine Mischung aus Einheimischen und Touristen zu geben.

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Bei meinen ersten Schritten auf dem Markt war ich etwas enttäuscht, denn zunächst begegnet man einer Reihe ganz normaler aneinandergereihter kleiner Läden. Die markttypischen Stände entdeckte ich erst, als ich den Markt beinahe umrundet hatte. Auch für mich war es Zeit für ein Mittagessen und ich entschied mich für eine Ochsensemmel mit Zwiebeln. Butterweiches Fleisch, optisch wie Rind, geschmacklich etwas derber.

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Vom Viktualienmarkt aus ist es nicht besonders weit zum Hofbräuhaus. Ich war schon so oft in München und noch nie im Hofbräuhaus. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich stolz auf diesen Fakt sein sollte oder ob es eine Schande war. Deswegen entschied ich mich, mir das Ganze zumindest ein mal anzusehen, um mir dann ein Urteil bilden zu können.

Von außen wirkt das Ganze unspektakulär. Direkt gegenüber befindet sich das HardRock Café und kurz habe ich gezögert, welche Location ich nun besuchen soll, doch dann entschied ich mich doch für die Tradition (oder den Tourismus? Oder beides?). Innen fand ich schnell einen Platz neben zwei Koreanern mit leichten Verständigungsschwierigkeiten. Sie bestellten mehrfach Dinge, die sie am Nachbartisch gesehen hatten nur mit Handzeichen und bekamen dann immer ein neues (andersartiges) Bier hingestellt. Eigentlich wollten sie aber anscheinend etwas zu essen, denn erst als sie das erreicht hatten (mit Hilfe einer Karte), schienen sie zufrieden. Ich war nicht in der Stimmung für Alkohol und bestellte mir ein alkoholfreies Weizen, was sowieso eines meiner liebsten Getränke ist.

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Auch nach dem Besuch im Hofbräuhaus ist meine Meinung gespalten. Unheimlich viele Touristen waren vor Ort, und angesichts des Fußballspiels vom Vorabend, in dem der FC Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals Werder Bremen empfangen hatte, waren auch einige Fußballfans vor Ort, die sich doch etwas daneben benahmen. Mitten im Hofbräuhaus befindet sich eine kleine Blaskapelle, die traditionelle Volksmusik zum Besten gibt. Ich behaupte, dass sie wirklich gut gespielt haben, auch wenn ich diese Art von Musik so gar nicht leiden kann. Wenn sich allerdings Bremer davor auf bauen und versuchen, ein Wunschkonzert daraus zu machen, ist das doch etwas affig. Gleichzeitig gibt es im Hofbräuhaus aber auch einige Stammtische, und alteingesessene Münchner, die sie wirklich in Tracht bevölkern. Das hat mich durchaus überrascht und erfreut. Mein Fazit ist also weiterhin zwiegespalten, es war aber auf jeden Fall nicht so schlimm wie ich dachte.

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Im Anschluss hieß es dann durch die Stadt schlendern und diverse Ecken und Winkel erkunden. Dabei stieß ich zufällig auf die Hofpfisterei und diverse andere kleine Gassen und Nischen und fühlte mich auf diese Weise doch erstaunlich wohl in München.

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Nun war also die Innenstadt entdeckt, ein Hochzeitsoutfit gefunden und die größten Sehenswürdigkeiten abgedeckt. Den Olympiapark und die Allianz-Arena kenne ich bereits, auf Imax so als Revival hatte ich keine Lust. Zum Glück fiel mir dann spontan noch der Englische Garten ein. Also ab in die Tram. Dort gab es direkt eine Fahrscheinkontrolle, wo eine Ordensschwester ohne Schein erwischt wurde. Sie hätte wohl einen Schein, und der sei immer in ihrer Tasche. Es sei aber eine übertragbare Karte, so dass sie dennoch Strafe würde zahlen müssen. Die Kontrolleure hatten sie bereits aus der Bahn gebeten, da sehe ich sie auf einmal das Ticket in der Hand halten und jubelnd tanzen. Wie schön, wenn sich Menschen so freuen können.

Den englischen Garten zu erreichen war einfach, sich darin zu orientieren ebenso. Auch im Englischen Garten befinden sich Biergärten und Sehenswürdigkeiten. Zuerst bin ich am Chinesischen Turm, der durchaus zu gefallen weiß. Danach geht es weiter zum Monopterus. Das kann man allerdings leider nicht sehen, weil es in Gerüst und Folie eingekleidet ist.

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Mir gefällt die Stimmung im Englischen Garten. Der Park erinnert mich sehr an den Hyde Park in London, nur dass der Rasen in München deutlich grüner und gepflegter ist. Viele Gruppen sitzen zusammen in der Wiese, picknicken, spielen Frisbee, Volleyball oder Fußball. Skater und Radfahrer sind unterwegs, viele Spaziergänger. Die Atmosphäre ist einfach entspannt.

Es ist erstaunlich ruhig im Park und nichts davon zu spüren, dass man sich mitten in einer Millionenstadt befindet. Es ist unglaublich ruhig, ich habe das Gefühl mitten in der Natur zu sein. Vögel zwitschern, eine leichte Brise erfrischt bei herrlichem Sonnenschein und es ist weit und breit kein Motor zu sehen oder zu hören. Herrlich!

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So langsam wurde es Zeit für ein Abendessen und am Ausgang des Parks gönnte ich mir ein Dinkelbrötchen mit der bayerischen Spezialität  Obazda. Bis vor Kurzem mochte ich das überhaupt nicht, doch auf einem der letzten Trips in Bayern bin ich auf den Geschmack gekommen und auch hier liebe ich es! Allerdings ist mein Brötchen auch mit frischen Zwiebeln belegt. Ich schmecke und rieche die Zwiebeln selbst noch eine Ewigkeit, bis zum nächsten Mittag. Auch Mundwasser, mehrfaches Zähneputzen und Milch haben nicht geholfen. So taten mir alle Menschen leid, die in der Zeit mit mir in Kontakt treten mussten.

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Nun war es also an der Zeit, München wieder zu verlassen, und das mit einem völlig anderen Gefühl als bisher. München ist mit plötzlich nicht mehr unsympathisch, und das wiederum empfinde ich als angenehm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Stadt innerhalb der letzten Jahre so sehr verändert hat und vor Allem zu alten Werten und Traditionen zurück gekehrt ist. Vermutlich hat sich einfach meine Sichtweise geändert. Und das ist auch etwas wert.

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