Berlin Calling

6. Juli 2014
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Es war mal wieder so weit. Schon wieder. Zum dritten Mal seit September geht es für mich nach Berlin. Der erste Trip galt dem Fußball bei Union Berlin und der East Side Gallery, der zweite Trip ging zur ITB und der dritte nun? Im Dezember war ein Kollege zum Ex-Kollegen geworden, hat Fürth verlassen und ist nach Berlin gezogen. Nun war es Mitte Juni höchste Zeit, ihn in seinem neuen Domizil zu besuchen. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen machte ich mich also auf, um den Ex-Kollegen mit unserer Anwesenheit zu beglücken.

Bei Germanwings fanden wir Flüge, die uns zeitlich perfekt gepasst haben. Hinflug am Freitag Vormittag und Rückflug am Sonntag Abend, das Ganze zum Preis von 80 Euro pro Person. Nehmen wir! Bus wäre zwar billiger gewesen, aber um Welten langsamer und mit Auto oder Bahn hätten wir diesen Preis niemals halten können. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich etwas schwieriger, weil wir etwas in Röddis Nähe wollten, was innerhalb unserer Preisspanne lag. Nach einigem Suchen fanden wir dann eine Pension.

Freitag um 7.15 Uhr trafen wir uns also am Flughafen in Nürnberg. Ich hatte den Taxiservice meiner Freundin genießen dürfen. Dennoch war ich hundemüde. Irgendwie bekomme ich nämlich nie genug Schlaf. Einfach nie. Ich bin grundsätzlich immer müde. Um diese Uhrzeit finde ich das aber nicht mal unlogisch oder unnormal.

Anita hatte zuvor den Web-Checkin gelernt, so dass wir einfach zum Security Check gehen mussten. Dort durfte dann Margit lernen, dass man auch bei Inlandsflügen keine Flüssigkeiten mit an Bord nehmen darf, also zumindest nicht ohne Größenbeschränkung und ohne Mengenbeschränkung und ohne wiederverschließbaren Beutel und so weiter. Unser Flieger hob bemerkenswerterweise beinahe pünktlich ab und wir landeten mit nur minimaler Verspätung in Berlin. Dort ging es dann mit Öffentlichen in Richtung der neuen Arbeitsstelle des ehemaligen Kollegen.

Diese liegt im Märkischen Viertel. Als der Bus langsam näher kommt wird es architektonisch unschön. Platte neben Platte. Nein, hier würde ich nicht wohnen wollen, auf keinen Fall. Und arbeiten vermutlich auch nicht. Wir dürfen heute hospitieren und lassen uns die Sozialstation an der Grundschule zeigen, bei der Röddi nun arbeitet. Eine Schülerin führt uns herum und erklärt uns die Angebote, die beiden Mitarbeiter ergänzen und beantworten Fragen von unserer Seite. Die Spannbreite des Tätigkeitsfelds ist recht groß, von Kreativangeboten über Kriseninterventionen bis zur Sozialen Gruppenarbeit und Teamcoachings ist alles dabei. Da könnte sich manche Schule in Bayern -vermutlich jede- eine Scheibe davon abschneiden.

Dann ist es Zeit für Frühstück und wir machen uns auf zum Märkischen Zentrum. Dort wird es ja wohl etwas für uns geben. Auf dem Weg beschließe ich, dass ich definitiv eine Jacke kaufen muss, denn ich hab meine natürlich mal wieder zuhause gelassen. Diesmal aber nicht aus Dusseligkeit, sondern weil die Wettervorhersage gelogen hat. Zehn Grad weniger als gemeldet und anstatt bewölkt und sonnig im Wechsel auch noch ordentlich Regen. Eine Jacke fand ich in einem Sportgeschäft fast mit dem ersten Handgriff und dann war es Zeit für Frühstück, das wir auf Grund der Uhrzeit zum Mittagessen umfunktionierten und uns für den Asiaten entschieden.

märkischesviertel

Im Anschluss liefen wir zurück zur Sozialstation und dann ging es gemeinsam mit dem bis dahin noch arbeitenden Kollegen weiter in ein Kinder-, Jugend- und Familienzentrum wenige Meter weiter. Auch dort erhalten wir eine Führung und können unsere dabei entstehenden Fragen an das Team loswerden. Besonders beeindruckt hat mich die Redegewandtheit unserer 12jährigen Führerin. Sie erklärt uns, dass sie beim Radio arbeitet. Wie, beim Radio? Im ComX gibt es neben unzähligen Angeboten wie Tanzen und Töpfern auch ein Webradioprojekt. Das Team hofft, dass sie die 50k-Marke nun knacken…. also Leute, hört doch mal rein :-)

http://www.comx-berlin.de/index.php/de/radio/radio-programm.html

Nun war es mal Zeit, unsere Pension zu beziehen. Wir hatten zwei Zimmer in der Pension Reiter, am Rande von Friedrichshain, nur zwei Ubahn-Stationen entfernt von unserem ehemaligen Kollegen. Die Zimmer erwiesen sich als okay, aber auch nichts besonderes. Das Bad zwar behindertengerecht, aber ziemlich heruntergekommen. Unser Bad hatte eine versperrte zweite Tür mit einem mehrere Zentimeter breiten Schlitz zum Hotelflur hin. In selbigem Flur lagerte einiges an Müll, Kartonagen… nicht gerade einladend. Im Prinzip für uns nicht so tragisch, ein Hotel nutzen wir sowieso nur zum Schlafen und zur täglichen Körperhygiene.

Schlafen, das war eine gute Idee. Kurz taten wir das nun und dann trafen wir uns wieder zum Abendessen mit einer ganzen Meute Berlinern. Wir fanden eine Bar mit Fußball live, für mich Fußballfreak ist die WM schließlich Pflicht. Wir saßen direkt vor der Wand, auf die das Spiel projiziert wurde. Gar nicht so einfach, die Spieler zu erkennen, wenn alles so verpixelt ist. Kurz vor dem Anpfiff landete dann eine Mütze in der Mitte des Tisches, in die wir bei jeder Phrase einzahlen musste. Das allgemein bekannte Phrasenschwein wurde zur Phrasenmütze. Ich weiß gar nicht, wie viele Phrasen ich in den nächsten 90 Minuten absichtlich in den Raum geworfen habe. Auf jeden Fall hatte sich die Mütze ganz schön gefüllt. Es lief Fußball, Essen und Cocktails waren lecker und so startete der Abend perfekt. Im Anschluss ging es dann noch in einen kleinen Club, „Zum schmutzigen Hobby“. Alle wollten tanzen, außer ich. Ich mag ja Tanzen nicht wirklich, und wenn schon, dann bitte zusammen mit meiner Freundin…. und die war nicht dabei. Ich verzog mich demnach nach draußen und schaute open air ein weiteres WM-Spiel, das um Mitternacht startete. Nach dem Spiel wartete ich dann noch ein bisschen, und dann ging es zurück ins Hotel.

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Die Nacht war natürlich auch diesmal viel zu kurz. Um vier ins Bett und um halb Acht wieder hellwach dank Rhythmus. Um 9 zogen wir dann los zum Frühstücken. Anita wollte das gerne im Alex tun. Mir war ein bisschen flau auf Grund meiner Höhenangst, aber da ich ja wusste, dass ich dort sicher in die Ferne sehen konnte, stimmte ich dem Vorhaben zu. Also kein Problem. Wir hatten nicht reserviert, aber es waren einige Tische frei, so dass wir gleich einen Platz bekamen.

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Wir studierten die Karte und ich fand irgendwie nichts, was mir gefallen hat. Ich schloss mich dann an die Bestellung der Kolleginnen an und nahm das Fit&Vital-Frühstück. 12,50 Euro für dieses Frühstück mit zwei kleinen Aufbackbrötchen, Wurst und Käse aus dem Supermarkt. Das Müsli mit Joghurt war wirklich lecker und ein Stück Hartkäse ebenso. Ansonsten eher Durchschnitt. Optisch nett, aber geschmacklich mager.

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Wir mussten uns vor Augen halten, dass wir die Aussicht mit bezahlten, obwohl wir ja auch schon für die Aufzugfahrt ordentlich löhnen mussten. Wert wäre dieses Frühstück vielleicht die Hälfte gewesen. Der Blick aber war gigantisch und so blieben wir, bis wir einmal komplett im Kreis gedreht waren.

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Ein Stockwerk weiter unten gab es Erklärungen zu den Aussichten, doch dort wurde munter umher geschubst. Sogar als ich einem älteren Ehepaar auswich, obwohl sie sich durchdrängelten, bekam ich einen richtigen Bodychek von der Dame ab. Wäre ich nicht gerade auf einem Bein gestanden, um ihr Platz zu machen, wäre sie wohl abgeprallt. So traf es mich unangenehm. Ich verstehe nicht, wie ältere Menschen Respekt erwarten und sich dann selbst so verhalten können. Nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe.

Als wir wieder unten ankommen, möchte ich zur Weltzeituhr. Wir umrunden noch einmal den Fernsehturm, wandern auf Wasser und erreichen dann meinen Wunschplatz. Ich wollte einfach ein nettes Foto machen. Auf dem Alexanderplatz war ein Markt aufgebaut, der mehr hippie war als Indien. Lustig. Ein bisschen wie auf einem orientalischen Basar.

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Dann fängt es an zu regnen. Das gefällt uns gar nicht, aber wir wissen uns zu helfen. Wir springen einfach in den Bus, der die Sehenswürdigkeiten abfährt, so ziemlich komplett. Mit dem Bus kommen wir vom Alex zum Bahnhof Zoo, vorbei am Brandenburger Tor, am Schloss Bellevue, der Siegessäule und so weiter.

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Auf unserer Liste steht für heute auch noch die beste Corrywurst Berlins, die laut Margits Reiseführer bei Witty’s zu bekommen ist, gar nicht weit vom Zoo, wo uns der Bus ausspuckt. Wir laufen also los und bestellen dann. Für mich siehts schon mal schlecht aus…. meine gewünschte Soße (Vinegar) gibt es nämlich nicht mehr und so klatscht mir der nette Verkäufer einfach nen Berg Ketchup auf und unter meine Pommes. Erm, ich mag aber kein pures Tomatenketchup. Gemeinsam mit der Gewürzmischung ist es dann erträglich. Die Wurst ist eine Biowurst, das find ich klasse. Die Pommes sind sehr dick, das ist laut Aushang saisonabhängig. Ich beurteile die Wurst mit okay, die Pommes mit naja und die Soße mit einem Naserümpfen. Wenn das die beste Currywurst Berlins ist, dann tut mir Berlin leid. Meine Kolleginnen sind gespaltener Meinung, eine sagt „geil!“, die andere ebenso wie ich „naja“.

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Im Anschluss geht es ins KaDeWe, dort wollen wir durch die geniale Lebensmittelabteilung. Doch es ist so voll, dass wir nur die Toiletten nutzen und dann ganz schnell wieder verschwinden. Stattdessen besuchen wir einen Bastelladen gegenüber. Bastelladen? Ich? Nun ja, nachdem Margit und ich eine Stunde über Fußball und unsere eigene vermeintliche Karriere gesprochen haben und Anita sich das die ganze Zeit anhören musste, durfte sie als Gegenleistung nach Herzenslust im Bastelladen stöbern.

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Dann wurde es Zeit fürs Motzstraßenfest. Ich kenne das Fest von früher und war überhaupt nicht begeistert. Vor 13 Jahren war ich zuletzt dort. Ich mochte damals schon den politischen Teil des Fests, aber die Szene mochte ich nicht. Berge von Lesben mit Bürstenhaarschnitt und dem ach so coolen  ich-kann-viel-böser-kucken-als-du-Blick aus jedem Gesicht. Schrecklich! Ich war also auf das Schlimmste gefasst. Vielleicht war das das Rezept zur Überraschung.

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Wir schlenderten noch ohne den Ex-Kollegen über das Fest und ließen uns dann im ZsaZsa Burger nieder, um ein erstes ordentliches Getränk zu schlürfen. Wir wählten ein Heineken. Einen Tag nach dem desaströsen Auftritt der Spanier mit der haushohen Niederlage gegen die Niederlande bestellen wir also in einer spanischen Bar ein niederländisches Bier. Hat was, finden wir. Nach einer Weile stößt auch Kollege Röddi zu uns und wir ziehen über das Fest. Ich bin wirklich erstaunt, wie sich die Szene verändert hat. Es gibt sie immer noch, die Bürstenschnittlesben in ihren Arbeiterhosen. Aber es gibt auch eine Menge der Anderen. So fühlt es sich wenigstens nicht unangenehm an, durch das Fest zu laufen. Nach einiger Zeit reicht es mir dann. Ich bin platt und möchte Fußball kucken. Daher verabschiede ich mich vom Rest, der noch ein wenig weiter feiert.

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Ich kehre zurück in die Pension und telefoniere mit meiner Freundin, lösche die programmierten TV-Kanäle, starte einen Sendersuchlauf und hab dann vernünftige Programme. Vorher war nur sowas wie Nickelodeon gespeichert. Nun kann ich Fußball schauen. Ich bin aber wahnsinnig müde, daher stelle ich mir vorsichtshalber einen Wecker für das Spiel um Mitternacht, schließlich handelt es sich um Italien gegen England. Die erste Halbzeit kriege ich noch einigermaßen mit, doch dann zieht es mir die Augendeckel runter. Gute Nacht!

Am Sonntag gehen wir dann anders frühstücken als am Vortag. Via Foursquare finden wir in Friedrichshain einen kleinen Laden, der uns sehr gefällt. Wir lassen uns nieder und bekommen dann mit, dass in der letzten Nacht ein Einbruch hier statt fand. Die Kripo war mit zwei hübschen Damen anwesend und die Verkäuferin zündete Räucherstäbchen an und lief Mantra singend im Laden und auf dem Gehsteig umher, um das Böse zu entfernen. Unser Frühstück war ganz im Gegensatz zum Vortag wirklich klasse und jeder fand etwas nach seinem Geschmack. Anita entschied sich für das vegane Frühstück, von dem ich die Ananas stibitzte und Margit und ich hatten Omelett. Außerdem probierte ich einen Zimttee, dessen Namen ich leider vergessen habe. So kann ein Tag starten.

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Vom Café aus laufen wir zu Röddi und mit ihm gemeinsam laufen wir quer durch Friedrichshain zum Spreeufer an der East Side Gallery. Da war ich ja erst, doch die Oberbaumbrücke verdient, öfter fotografiert zu werden.

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Und auch die East Side Gallery hat mir gefallen, natürlich. Am Ende des Tages zeigte mein Schrittzähler über 20000 Schritte an, mein Ziel ist ein Tagespensum von 10000. Dementsprechend platt war ich auch, und meine Mädels ebenso.

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Röddi fuhr uns dann zum Flughafen und dann ging der Spaß wieder los. Schon beim Einchecken wurde uns gesagt, dass unser Flug Verspätung hat. Mindestens zwei Stunden. Wir überlegen, nochmal in die Stadt zu fahren bzw den Flughafen zu verlassen. Da es aber keine genauen Auskünfte gibt, rät man uns davon ab. Es könnte ja sein, dass unser Flieger doch plötzlich startbereit wäre. Wir hatten eigentlich am Abend in Nürnberg noch was vor, so dass die Verspätung echt ärgerlich war. Wir wurden zu Lufthansa geschickt, da Germanwings keinen Schalter am Flughafen Tegel hat. Bei Lufthansa wurde uns gesagt, dass wir Verzehrgutscheine bekommen müssen, es aber keine Möglichkeit gibt, uns noch auf einen früheren Flieger nach Nürnberg zu setzen, obwohl auf der Anzeigentafel noch zwei frühere Maschinen standen. Nun gut, dann gingen wir zurück zum Checkin-Schalter und fragten nach den Verzehrgutscheinen. Dort wusste man davon nichts und bat uns, durch den Security Check zu gehen. Dort würden wir dann auch Gutscheine ausgehändigt bekommen, falls es welche gäbe. Wir kamen der Aufforderung nach und bekamen natürlich keine Verzehrgutscheine.

Irgendwann begannen die Leute dann sich zu beschweren. Eine Dame war recht vehement, aber wirkliche Infos gab es trotzdem nicht, außer dass unsere Maschine kaputt war. Ich hatte schon leicht Kopfschmerzen durch Dehydration und entschloss dann, dass ich mir nun etwas zu trinken kaufen würde, auch ohne Gutschein. Kaum kam ich vom Einkauf zurück, wurden die Gutscheine ausgeteilt, obwohl es direkt zuvor noch hieß, dass wir keine bekommen würden. Das dümmste an den Gutscheinen war, dass es nach dem Security Check nur noch einen Stand gab, der bereits leer gekauft war und einen Stand mit wenigen Knabbersachen und ein paar Getränkeflaschen. Meinen Gutschein verwendete ich dann für ein weiteres Getränk und eine Tüte Studentenfutter.

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Nach und nach sickerten auch Informationen durch. Es gäbe eine Ersatzmaschine, die auf dem Weg sei. Dann hieß es irgendwann, sie sei gelandet. Trotzdem ging nichts voran. Man fand nämlich die Maschine auf dem Flughafen nicht mehr, auf die man schon seit über zwei Stunden wartete. Klar, großer Flughafen und hektischer Betrieb. Aber ein Flugzeug nicht zu finden, auf das schon ewig gewartet wird ist auch klasse. Dann haben sie es aber doch aufgespürt und wir durften an Bord gehen. Dort erfuhren wir dann, dass unsere eigentliche Maschine auf Grund eines Streiks in Spanien fest saß, und die dann georderte Ersatzmaschine kaputt war. Nun saßen wir in der Ersatzmaschine der Ersatzmaschine, und bei der Geschichte kann man dann ja doch froh sein, dass man nur gut zwei Stunden Verspätung hatte.

Wir kamen wohlbehalten in Nürnberg an und so schnell wie an diesem Abend hab ich den Flughafen noch nie verlassen.

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