Grenzen testen im Bayerischen Wald

14. Juni 2014
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Zu Pfingsten war es wieder so weit, dass die Koffer gepackt wurden. Wobei das etwas übertrieben ist, denn angesichts der zwei Übernachtungen brauchen wir keinen Koffer. Wir packten einen Rucksack und eine Tasche. Na gut, und einen zweiten Rucksack, wegen der Schwimm- und Saunasachen.

Am Pfingstsonntag ging es los. Das Wetter zeigte sich schon in Nürnberg herrlich und so war unsere erste Tat das Öffnen des Autodachs. Oben ohne ging es dann in Richtung Südosten. Wir kamen gut durch, nur kurz war der Verkehr mal etwas dichter, aber nie so, dass man von viel Verkehr sprechen könnte. Unser erstes Ziel noch vor der Ankunft am Bestimmungsort war der Waldwipfelweg in Sankt Englmar.

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Ich habe Höhenangst. Ich habe so richtig Höhenangst. Wenn sich unter mir Wasser befindet, dann ist das unproblematisch, sobald aber kein Wasser da ist, habe ich sehr irrationale Ängste. An der Zugspitze zum Beispiel habe ich einen ganzen Satz rückwärts gemacht, obwohl ich noch drei Meter vom Geländer weg stand. Ich habe es einfach nicht geschafft, länger dort stehen zu bleiben. Dabei hatte ich beinahe meine Freundin umgerissen, weil sie mehr oder weniger im Weg – meinem nicht vorhersehbaren Fluchtweg – stand. Der Waldwipfelweg sollte für mich ein weiterer Schritt sein, meine Angst zu überwinden. Meine letzte Aktivität in diese Richtung war bouldern, und da hatte ich Probleme, oben am Ende meiner vielleicht vier Meter Höhe den Rand zu überwinden, aus Angst. Dementsprechend vermutete ich mich mit Panikattacken in der Mitte des Weges, in die Ferne starrend. Aber ich wollte es unbedingt schaffen. Meine Freundin vermutete, dass ihr der Weg auch schwer fallen würde, obwohl sie ansonsten weniger Probleme mit der Höhe hatte.

Dann kamen wir dort an und ich fragte vorsichtshalber nochmal nach. Im Eintrittspreis inbegriffen waren auch andere Dinge, wie ein Waldlehrpfad. Wenn es mir zu viel auf dem Weg ist könnte ich jederzeit umkehren. Ich war aufgeregt, mein Puls sicher erhöht. Es fühlte sich an, als würde mein Herz sich im ganzen Körper verteilen und heftig schlagen. Carina war etwas aufgeregt. Wie beruhigend für mich 🙂

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Dann ging es los. Ich setzte meinen Fuß auf den Weg, der anfangs noch ebenerdig war. Kein Problem also. Ein Meter, zwei Meter, drei Meter. Bei fünf Metern stand das erste Schild mit einer Höhenangabe. Ich hatte kein Herzklopfen mehr. Es war nicht so, dass es nicht mehr geschlagen hätte, aber die Aufregung war völlig weg! Es war einfach überhaupt kein Problem. Es fällt mir leichter, wenn ich in die Ferne sehen kann, und das konnte ich hier absolut. Dennoch ging ich nicht davon aus, dass ich diesen Weg hier so locker und leicht absolvieren hätte können. Nicht mal ansatzweise! Bei zehn Meter lehnte ich mich an das Geländer und schaute nach unten. Dabei war mir etwas komisch und ich ging relativ schnell zurück, aber schlimm war es nicht.

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Am Eingang hatte man gesagt, dass es heute wohl ziemlich wackeln würde, weil viele Besucher auf dem Weg unterwegs wären. Davon merkte ich so gut wie nichts. Dann kamen wir an einer Aussichtsplattform an, die auf 30 Meter höhe wie eine kleine Sackgasse nach vorne stand. Ich machte mich auf den Weg und dann spürte ich, wie der Weg schwankte. Mir wurde etwas mulmig, aber auch dort war es okay bis…. ja, bis Menschen direkt nebenan ein erschrockenes Geräusch machten und mehrfach erwähnten, wie sehr das doch wackle und dass das ja ganz schlimm sei. Dann hatte ich auch Angst. Die Angst legte sich aber wieder, als Diejenigen sich verzogen. Wir knipsten ein Foto, bei dem zufälligerweise die 30-Meter-Marke mit zu sehen war, als Beweis sozusagen. Dann kehrten wir um. Doch ich entschied mich nochmal anders. Ich war noch nicht ganz vorne angelangt. Ich wollte an diesem Aussichtspunkt unbedingt ganz nach vorne. Das tat ich dann auch. Ich lehnte mich sogar vorne am Geländer an und knipste ein paar Bilder! Unglaublich! Wer mich in solchen Situationen schon erlebt hat, wird es nicht glauben können, doch es war wirklich so.

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Und dann kam noch ein weiterer Schritt! Es gab auf 25 Metern eine Hängebrücke. Die sah recht stabil aus. Allerdings war der Boden dort aus einem Gitter, also durchsichtig. Es gab einen Alternativweg, ich war nicht gezwungen, die Hängebrücke zu meistern. Aber ich wollte unbedingt. Vielleicht war das heute mein Schlüssel… der unbedingte Wille, die Situation zu meistern. Ich hielt mich an einer Seite der Brücke fest und ging los. Carina hinter mir her. Auch sie wollte das meistern. Der Blick starr nach vorne – und dann waren da auf einmal zwei Menschen im Weg, die uns entgegen kamen. Ich schaffte aber auch das. Mit etwas Strecken erreichte ich das Geländer mit der linken Hand, ohne rechts los zu lassen und konnte dann sicheren Schrittes weiter gehen. Und schon war der Waldwipfelweg wieder vorbei. Geschafft und irre stolz!

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Im Anschluss beschritten wir auch den Waldlehrpfad, der für Kinder wirklich toll gemacht war. Auch wir überlegten an ein paar Stationen mit. Die Höhle der Illusionen brachte noch einige tolle Täuschungen, auch wenn bei mir immer nur die Hälfte dieser Dinge funktioniert.

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Dann gab es da auch noch ein paar Tierchen, für uns natürlich nicht nötig, aber irgendwie auch süß.

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Dann hatten wir genug und fuhren weiter zu unserer Unterkunft in Lam. Untergebracht waren wir im Gasthof Stöberl. Der Gasthof Stöberl hat eine eigene Metzgerei angeschlossen und im Restaurant gibt es eine Menge Spezialitäten aus eigener Schlachtung, wie wir am Abend feststellen durften. Doch vorher hatten wir noch etwas vor.

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Lam ist ein Kurort und dementsprechend gibt es eine Gästekarte. Mit dieser Karte gibt es allerlei Ermäßigungen. Unser Plan war, das Osserbad zu besuchen, das örtliche Hallen- und Freibad. Da wir eigentlich jeden Tag eine Stunde schwimmen gehen, sollte das auch heute nicht fehlen. Ab 17 Uhr kann man das Osserbad kostenlos besuchen, zumindest ein Mal. An der Gästekarte wird der Besuch markiert, so dass der Schnupperbesuch wirklich einmalig bleibt. Das einzig taugliche Becken zum Bahnen schwimmen war irre voll, deswegen entschieden wir uns für ein kleines Becken. Dummerweise stellte ich dann auch noch fest, dass meine wunde Stelle am Bein /vom Badeanzug verursacht) ziemlich weh tat und so schwamm Carina ein paar Bahnen mehr als ich, aber auch nicht viele und ich dümpelte etwas hin und her ohne den Einsatz von Beinen. Dadurch war ich wahnsinnig langsam, aber Schwimmen nur durch die Kraft der Arme ist auch unheimlich anstrengend, musste ich feststellen. Recht schnell verlagerten wir unseren Aufenthalt in die Sauna, die ebenfalls im kostenlosen Eintritt inbegriffen war. Danach nochmal kurz ins Becken und ein bisschen durch getaucht.

Nach dem Schwimmbadbesuch war das Programm für den ersten Tag erledigt und wir machten uns auf den Weg zum Abendessen. Das Auto parkten wir im kostenlosen Parkhaus wenige Meter vom Gasthof entfernt und dann ging es „nachhause“. Es war klar, dass wir zumindest ein mal im zum Gasthof gehörenden Restaurant speisen wollten. Diese Entscheidung erwies sich als ein absoluter Glücksfall! Zunächst fanden wir einen Rhabarberprosecco auf der Tageskarte. Das mussten wir probieren und das Glas war so schnell leer, dass eine zweite Runde nachbestellt wurde. Da wir auch sehr diätmäßig unterwegs sind, war die Auswahl gar nicht so einfach. Carina wählte die sogenannte Vitaminschaufel und ich entschied mich für ein Lendensteak mit Salat vom Buffet. Die Vitaminschaufel entpuppte sich als ein riesengroßer Berg verschiedener Salate mit zwei Medaillons darauf und war geschmacklich hervorragend. Mein Steak war herrlich, perfekt gebraten. Die Salate vom Buffet waren vielseitig und lecker gewürzt. Preislich konnte man auch nicht meckern, so dass wir absolut zufrieden das Restaurant verließen.

Viel brachten wir dann an diesem Tag nicht mehr zustande, wir schliefen früh und wachten dann dementsprechend auch früh wieder auf .

Der zweite Tag brachte uns eine Wanderung ein. Nein, wir wurden nicht gezwungen. Wir wollten das. Im Vorfeld hatte ich einige Routen ausgesucht und Carina hatte die Qual der Wahl. Dann fiel doch eine gemeinsame Entscheidung und wir fuhren in den Nachbarort Arrach. Dort sollten wir starten. Am eigentlichen Startpunkt sahen wir dann das Hinweisschild für den Wanderweg, auf dem eine völlig abweichende Kilometerzahl und auch ein abweichender Schwierigkeitsgrad angegeben war. Wir waren einige Zeit nicht mehr wandern und ich wusste auch nicht, wie mein Sprunggelenk mitmachen würde, das seit der Verletzung im letzten August immer wieder zickt. 18 schwierige Kilometer, angegeben mit mindestens 6  Stunden. Das wollten wir nicht. Wir fanden aber auch weitere Hinweisschilder mit angenehmer wirkenden Strecken. Wir wollten mehr als spazieren, aber uns auch nicht kaputt machen, zumal wir Temperaturen von 35 Grad erwarteten.

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Wir fuhren also nochmal ein Stück nach Eschlsaign, ein Dorf weiter. Dorf ist eigentlich fast übertrieben, nur wenige Häuser, die wir gar nicht richtig sehen, weil der Parkplatz zum Wanderstart gleich zu Ortbeginn liegt. Wir starten gemütlich und freuen uns über die herrliche Natur. Die Wälder sind halbe Dschungel, wunderschön dicht bewachsen. Genuss pur!

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Nach den ersten ungefähr zwei Kilometern finden wir einen Parkplatz mit Brunnen und Kneippbecken. Wir kneippen natürlich, wenn man sowas schon mal auf ner Wanderstrecke hat, muss man es auch nutzen. Die Füße dürfen dann wieder komplett trocknen, bevor wir wieder in die  Wanderschuhe gehen. Blasen wollen wir schließlich keine haben.

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Nach dieser angenehmen Pause geht es weiter, und von da an beinahe nur noch bergan. Wir waren froh über leichte Steigung. In den nächsten Kilometern bewältigten wir 300 Meter Höhenunterschied. Wir erreichten den kleinen Riedelstein und waren ziemlich platt. Die hundert Meter zum Aussichtspunkt waren aber nahezu flach, so dass wir darüber glücklich waren und sie gerne in Kauf nahmen. Der Blick war gigantisch, so dass die Meter auf keinen Fall zu viel waren.

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Ein kurzer Stop mit einem Ei für Carina und einer Banane für mich setzte neue Kräfte frei und wir machen uns auf die weiteren letzten 100 Meter Höhenunterschied, die sich auf 600 Meter Strecke verteilten. Die Oberschenkel brannten bereits, für ein paar Schritte ebenen Weg hätten wir viel gegeben. Die Wasserflaschen wurden immer leerer. Am Ende tat jeder Schritt weg, doch als wir am höchsten Punkt unserer Wanderung ankamen – dem großen Riedelstein, den ich einige Male als Rieselstein bezeichnete. Versehentlich, versteht sich.

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Am Rieselstein, erm, Riedelstein machten wir dann eine etwas größere Pause mit Vesper. Erstmals begegneten uns hier auf der Route andere Wanderer. Bis dahin waren wir alleine auf der Strecke unterwegs. Wir dachten, dass wir ob unseres Aufstiegs wüssten warum alle den Weg andersherum nähmen. Als wir allerdings in die andere Richtung wieder bergab unterwegs waren, fragten wir uns doch, ob der Aufstieg der anderen Wanderer nicht noch beschwerlicher gewesen war als unserer.

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Dann kam das nächste Highlight. Wir erreichten die Rauchröhren. Wie das Ganze aussah, war uns vorher nicht bewusst, doch der Name war irgendwie spannend. Geheimsnissvoll. Die Rauchröhren sind hohe Felsen, beeindruckende Formationen mitten auf einer Waldlichtung.

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Von dort aus waren wir nicht so sicher, wie es weiter gehen sollte. Wir wussten, dass wir auf der Route A9 nach unten wollten, doch die Route war seltsam angeschrieben. Da konnte sie doch unmöglich entlang gehen, mit Kletterei nach unten über Steine und Felsen. Es gab im Felsen noch eine Schrift mit Farbe, die eine schwierige Alternativroute A9 vorschlug. Nein danke. Wir fanden ein paar Meter unterhalb des Hinweisschilds ein weiteres Schild, dass einen Gasthof in Eschlsaign ankündigte. Das war ja der richtige Ort, also dann eben doch über diesen Weg.

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Die Kamera musste weg vom Hals und in die Tasche, und die Flasche, die ich in meiner Hand trug, musste in den Rucksack. Ich brauchte meine Hände zum Klettern. Ich bin nicht besonders gut im bergab laufen, aber hier musste man sich wirklich an einigen Stellen festhalten und leicht klettern. Der Weg machte uns aber Spaß und wir liefen gut gelaunt zurück nach Eschlsaign.

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Dort beendeten wir glücklich unsere Wanderung. Nach vier Stunden und viel zu vielen Höhenmetern auf einer Wanderung durch unheimlich schöne und unberührte Natur waren wir doch ein bisschen platt. Im Auto hatten wir dann auch wieder zu trinken, das war uns auf dem Weg ausgegangen, glücklicherweise erst auf dem unbeschwerlichen Rückweg, so dass es nicht so viel ausmachte. Kopfschmerzen hatte ich trotzdem, wie immer, wenn ich dehydriere.

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Eine Ibu musste leider sein, das alkoholfreie Hefeweizen war nicht genug, um die Kopfschmerzen gleich wieder einzudämmen. Wir gönnten uns einen Rhabarberkuchen und danach ein kleines Schläfchen. Die Dusche vor dem Bett war ein Traum, obwohl es einfach nur eine Dusche war. Die Temperaturen waren wirklich so hoch wie erwartet und wir hatten es dennoch geschafft!

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Vorsichtshalber hatten wir uns den Wecker gestellt und nach dessen Klingeln brauchten wir eine ganze Weile, bis wir wieder fit waren. Da wir vom Essen am Vorabend so begeistert waren, speisten wir auch heute im Restaurant unseres Gasthof Stöberl. Heute hab es erneut Rhabarberprosecco. Carina schlug mit Käsespätzle zu, schaffte aber nur wenig davon, weil es ja auch Salat vom Buffet gab. Sie ist heute noch traurig, dass sie so viel übrig lassen musste, weil es unglaublich lecker war. Ich hatte ebenfalls Salat vom Buffet und ein Waldpilzgulasch. Ich liebe Pilze, angefangen mit Pfifferlingen und Austernpilzen, und wohl am liebsten eben die Waldpilze wie den Steinpilz. Beide Gerichte waren hervorragend, aber Beide waren zu viel. Vor Allem wenn man nicht mehr gewohnt ist viel zu essen.

Die Wanderung schlauchte uns offenbar mehr als wir dachten, nach dem Essen waren wir auch wieder unheimlich müde. Ab ins Bett!

Nach dem Frühstück (vom reichhaltigen Buffet mit auch großer Auswahl an Getränken) am nächsten Morgen sollte es dann losgehen. Wir checkten aus und dann nahm ich versehentlich den Schlüssel mit, was ich glücklicherweise schon am Auto merkte. Also drehte ich nochmal um und brachte ihn zurück. Da das Wetter immer noch gigantisch war, hieß es auch diesmal Dach auf. Von unserem Garmisch-Trip hatten wir ja gelernt, Sonnencreme liegt immer greifbar im Auto. Unser Weg sollte uns nach Tschechien führen. Wenn wir schon so grenznah waren, wollten wir sie auch überqueren. Auf diese Weise konnte ich außerdem für Bekannte die ominösen Click&Roll-Zigaretten mitbringen, die in Deutschland nicht verkauft werden dürfen. Lohnenswert war die Strecke von Lam über Bayerisch Eisenstein allemal und wäre es auch ohne Tabakkauf gewesen.

Dann ging es wirklich zurück, wir gaben die Heimatadresse ins Navi ein und fuhren. Dann kam uns das schon etwas komisch vor. Zwischendurch waren die Straßen ja breiter und sahen nach Autobahnzubringer aus, doch dann ging es wieder über kleinste Dorfsträßchen. Das eingegebene Ziel allerdings war richtig, und der Weg auch. Wir kamen gut nachhause. Allerdings fuhren wir den größten Teil der Strecke über die Landstraße bis tief in die Oberpfalz hinein. Ich hatte das Navi so eingestellt, dass es die kürzeste Strecke wählte. In Zukunft sollte ich das möglicherweise überdenken, obwohl auch diese Strecke sehr schön zu fahren war.

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