Palma – mein Abschied

19. Januar 2014
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Mallorca – die Zweite

Vor genau einem Jahr war ich auf Mallorca, um meinen Bruder zu besuchen. Er wohnt seit einiger Zeit in Palma. Vor einem Jahr entstand hier eine Beziehung, die genau ein Jahr und einen Tag hielt, und fragt mich nicht wie. Nun hatte ich Mallorca gebucht und hätte es beinahe wieder abgesagt. All diese Plätze wieder zu sehen, wo alles begann? Was erwartet mich? Was erlebe ich hier? Was fühle ich?

Auf Mallorca hat alles begonnen, was nun seit drei Wochen vorbei ist. Jeder meiner Schritte hier ist verbunden mit ihr. Ich habe tausend Bilder im Kopf… meine Stunden vor Mallorca sind geprägt von einem Tief. Sehnsucht, Einsamkeit, Leere. Und Angst vor dem was kommt.

Der Anfang der Reise geht dann auch ziemlich schief. Meine Chauffeurin zum Flughafen hat verpennt und kann mich nicht zum Flughafen fahren, weil sie schlicht noch nicht da ist als ich spätestens los muss. Ich renne zum Bus, springe grad noch rein, nehme die U-Bahn und komme pünktlich zum Checkin-Schluss am Flughafen an. Erst mal noch nen Milchshake geholt und dann zum Security Check. Echt scheiße, den Gürtel einhändig wieder anzuziehen! Die zweite Hand ist dank gebrochener Handkante und zerschmettertem Gelenk des kleinen Fingers eingegipst und unbenutzbar. Ich gehe zum Gate und muss noch warten, lasse mich dort nieder.
Um das Gefühl zu haben aktiv zu sein beginne ich, die Menschen um mich herum zu beobachten. Eine blonde Frau mit Strohhut holt sich eine Cola, der Automat summt wahnsinnig laut und braucht gefühlte Minuten, um die eine Flasche in das Ausgabefach zu schieben. Der Mann neben mir telefoniert mit einem silbernen Handy und tippt gleichzeitig eine sms mit einem anderen Handy. Hinter mir erzählt eine Frau vom Wind auf Lanzarote und dass dies ja vermutlich ihre letzte Reise sei, da sie sich um einen großen Garten kümmern müsse und irgendwann sei das Fernweh ja auch vorbei. Ich bemitleide sie und hoffe auf mein eigenes Fernweh, es möge mich doch bitte nie im Stich lassen. Immer wieder fummle ich an meinem Handy herum, doch ich lasse es aus. Was sollte ich auch schreiben, ich weiß ja nicht einmal, was ich gerade denke. Mein Blick schweift weiter durch die Halle und bleibt viele Reihen weiter an einer Frau mit kinnlangen braunen Haaren hängen. Ich beobachte sie eine Weile und was ich sehe gefällt mir. Unsere Blicke treffen sich immer wieder, aber nie lange. Dann ist endlich Zeit zum Boarding, deutlich verspätet weil ein Crew-Mitglied fehlte und erst Jemand aus der Bereitschaft kommen musste. Zuerst dürfen die Passagiere der Sitzreihen 16-31 einsteigen. Wie praktisch, dass ich in Reihe 16 sitze, gerade noch so reingerutscht. Als ich das Flugzeug betrete, sitzen schon einige Leute auf den ersten Sitzreihen verteilt. Armes Deutschland.
Ich nehme meinen Platz in Beschlag, neben mir findet sich ein älteres Ehepaar ein. Die Blickkontaktdame hat keine Lust, weiter vorne in der Mitte zu sitzen und darf auf die letzte leere Reihe ausweichen. Dann startet der Flieger und ich widme mich der SportBild, denn auf Fußball kann ich mich normalerweise sogar in größter Not konzentrieren und es funktioniert. Ab und an blicke ich aus dem Fenster, finde die schneebedeckten Alpen und die Küste. Das Meer weit unten ist recht aufgewühlt und die Bildschirme geben an, dass auf unserer Flughöhe eine Windgeschwindigkeit von 374 km/h herrscht. Wahnsinn. Ich denke an den von mir für das Frühjahr angedachten Fallschirmsprung – wie das wohl bei solchen Bedingungen wäre? Ich sehe dann am Bildschirm, dass es draußen -52 Grad hat und denke „dann wohl eher nicht springen“. Aus 11 Kilometern Höhe wird das ja aber auch nicht gemacht, also halb so schlimm. Ich habe Durst und es dauert Ewigkeiten, bis endlich der Wagen mit der Verpflegung ankommt. Der Orangensaft ist mit drei mal Schlucken beinahe weg, ich lasse noch einen halben Schluck für nach dem Putensandwich übrig. Die Dame neben mir spricht mich an, fragt ob ich denn auch in den Urlaub fliege. Natürlich wäre es möglich, dass ich geschäftlich verreise, aber ich sehe eher nicht nach Geschäftsreisendem aus. Immerhin fragte sie nicht „Fliegen sie auch nach Palma?“ und so antworte ich ihr, dass ich meinen Bruder besuche, der auf Mallorca arbeitet. Damit verebbt unsere Gesprächsflut bereits wieder und kurz darauf landen wir endlich, mit einer halben Stunde Verspätung. Ich habe es nun eilig, denn Adrian musste ja um mich abzuholen nach der Nachtschicht bis zum Mittag warten.
Als ich an den Gepäckbändern ankomme, erinnere ich mich an letztes Jahr. Ich wartete damals ungefähr eine halbe Stunde auf mein Gepäck. Ich hoffe, dass es diesmal schneller geht und suche mir einen strategisch günstigen Platz. Genau gegenüber platziert sich dann kurz nach mir die besagte Dame, die ich bereits in Nürnberg anvisiert hatte. Auch diesmal begegnen sich immer wieder unsere Blicke. Sie erinnert mich an eine ehemalige Kollegin von mir. Meine Tasche ist noch nicht zu sehen, da geht sie einen Schritt auf das Band zu, zieht einen Koffer herunter und geht direkt zum Ausgang. Mist, denke ich. Genau in dem Moment erscheint auch meine Tasche und ich haste hinterher. Direkt am Ausgang erwartet Adrian mich und wir fangen beide an zu strahlen und drücken uns. Ich bin beim Bruder und es ist gut. Die Frau bleibt an einem Stand stehen, wir gehen weiter und damit ist es auch gut. Wir müssen zum Parkhaus, die ebenerdigen Rolltreppen (-treppen?) führen uns hin. Ich blicke um mich. Hier habe ich gewartet vor einem Jahr. Hier haben wir sie am Folgetag abgeholt. Ich blicke einmal rundum und da ist die Frau wieder, ein Stück hinter uns. Ich berichte meinem Bruder von dieser Begegnung. Wir zahlen zeitgleich an verschiedenen Automaten, gehen ins gleiche Stockwerk. Dann biegt sie nach links ab und wir gehen grade aus und das war es dann wirklich. Inzwischen ärgere ich mich, dass ich weder Zettel noch Stift zur Hand hatte. Ich hätte es wohl wirklich gewagt und ihr meine Handynummer in die Hand gedrückt. Der Ärger ist aber weder groß noch lang anhaltend. Vermutlich wird er einfach durch die Angst beim Autofahren verdrängt. Das liegt mir momentan nach meinem Unfall auf der Autobahn, bei dem ich von einem LKW übersehen wurde sowieso nicht und auf Mallorca wird dann auch noch gefahren wie Henker.
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Adrian gibt mir eine Handynummer, ich soll doch Fabi schreiben, sie spricht auch Deutsch. Ich schreibe einer fremden Person? Ja, ich schreibe ihr. Beginne auf Spanisch und mache auf Deutsch weiter, ob wir wohl nachher was unternehmen? Ja, tun wir. Wir essen erst noch Pizza und gehen dann einen Kaffee trinken im süßen Café gleich um die Ecke von Adrians Wohnung bei Teresa. Nun gut, dann fahren wir zu Fabi. Ich bin heute offen und habe kein Problem mit neuen Menschen und ich bin in Spanien, ich habe kein Problem damit, andere Menschen zu berühren oder berührt zu werden. So begrüßt man sich gleich mit Küsschen. Wir trinken Kaffee und quatschen, auf Spanisch und Deutsch.
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Wir gehen weiter, in eine Bar, bei der man zu jedem Getränk was man bestellt kostenlos Tapas bekommt, also gleichzeitig satt wird. Schönes Konzept. Ich trinke drei Bier (0,2), für mich ungewöhnlich viel, merke das auch ein bisschen. Es kommen noch zwei weitere Leute, Fabis Freund und ein Kumpel. Von da an ist eigentlich alles Spanisch und ich verstehe nur einzelne Worte, aber ich mag die Sprachmelodie und höre trotzdem zu und muss auch immer wieder lachen. Es ist einfach ansteckend. Dann muss Adrian zur Arbeit und wir fahren zurück. Ich mache mich bettfertig und schreibe mir ganz viel von der Seele, danach schlafe ich.

Am nächsten Morgen gehe ich joggen, laufe zu „unserem“ Strand, konfrontiere mich bewusst.  Am Anfang kribbelt mein Bruch, so wie auch neulich schon beim Sport. Mein Körper zeigt mir schnell die Grenzen auf, die ihm meine Misswirtschaft der letzten Wochen auferlegt hat. Ich muss einfach drüber gehen, ich kenne dieses ins Nichts laufen. So richtig gelingt mir das nicht, aber ich fasse den Entschluss, nun wieder ordentlich Vitamine und Nährstoffe zu mir zu nehmen. Die letzten 400 Meter ziehe ich richtig Tempo an und bremse dann abrupt ab, als ich an der Treppe zum Strand angekommen bin. Ich gehe nur noch, vorne am Wasser und langsam. Ich gehe noch ein Stück, bis ich ungefähr so weit bin wie wir damals waren. Ich setze mich und blicke aufs Meer.
Irgendwann sind die Tränen wieder weg und dann beginne ich, die Menschen um mich herum wieder wahrzunehmen. Dies bleibt für ein paar Minuten so, dann entscheide ich, dass ich mit diesem Ort fertig bin. Ich stehe auf und gehe zurück, langsam. Eigentlich wollte ich auch zurück joggen, doch dann entscheide ich mich für eine bewusste und langsame Konfrontation mit einigen anderen Punkten auf dem Rückweg. Ich sammle vier Muscheln. Mit der vierten habe ich das Gefühl, dass es genug ist, ohne einen Grund dafür zu wissen. Ich werde Ketten daraus machen.
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Wieder zuhause angekommen mache ich mir Frühstück und trinke ein Glas Milch. Danach schreibe ich weiter. Ich setze mich mit einer Zigarette aufs Dach zum Schreiben, aber nach zwei Zügen ist mir die Lust auf Rauchen vergangen und ich drücke die Zigarette aus. Der Regen hat wieder aufgehört. Ich muss duschen.
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Danach wecke ich Adrian, es ist an der Zeit. Draußen regnet es wieder und wie verwerfen unseren Plan in die Berge zu fahren. Bis wir los kommen ist es auch schon relativ spät. Wir wollen zum Schloss Bellver, da war ich mit ihr nicht, das ist gut. Wir fahren und fahren, durch kleine Gassen rauf und runter, aber man kann nirgends parken, einfach weil die Straßen zu eng sind. Da passt grad mal ein Auto durch. Der ausgeschilderte Parkplatz existiert nicht. Wir finden dann doch einen Platz, laufen den Rest durch die weitläufige Parkanlage. Das Schloss selbst bzw die Kasse schloss wenige Minuten vor unserer Ankunft, war wohl nichts mit der geplanten Kultur. Dennoch hat es sich gelohnt, weil der Ausblick vom Berg auch überragend ist. Wir kommen im Hellen oben an und sind bis zur Dunkelheit oben, beides wunderschön. Nebenbei suchen wir noch einen Geocache. Mein Bruder tut dies zum ersten Mal, für mich ist es Nummer 60. Es geht vom Weg ab, ein wenig über rutschige Trampelpfade bergauf und den Steinhaufen unter der Wurzel eines liegenden Baumes abtragen und gefunden. Travelbug getauscht und wieder nach unten. Dann fuhren wir wieder nachhause, skypten gemeinsam mit unserem Vater, für mich eine ungewohnte Erfahrung, und posteten Erlebtes auf Facebook.
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Kurz darauf ging es wieder los. Wir hatten Hunger und dienstags gibt es in der Stadt eine gute Tapas Route. Mit dem Bus ging es dorthin und an der ersten Bar gleich mal vorbei, dort gefielen mir die Tapas nicht so gut. In der zweiten um so besser. Wir starteten mit Shandy (ich mag kein Radler, aber: Radler mit Limonenlimo, das schmeckt!) und den ersten zwei Tapas. Dann weiter in die nächste Bar, Mojito und Tapas. Mojito in der spanischen (oder mallorquinische?) Variante, mit Sprite an Stelle von Soda. Nächste Bar: Bier und Tapas. Nächste Bar: Shandy und Tapas…. ich merke es schon längst und nach fünf Bars reicht es.
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Wir laufen in Richtung Bushaltestelle und ich checke c:geo und finde einen Cache, den ich eh machen wollte in 230 Meter Entfernung. Wir suchen ihn und da er magnetisch ist und das Verkehrsschildrohr oben keinen Deckel hat vermute ich ihn da drin. Ich komme nicht hin und frage meinen Bruder. Der fängt an zu klettern und sagt „so schon“ und gleichzeitig macht es ratsch und das Rohr ist plötzlich nicht mehr befestigt. War es wohl nur mit einem kleinen Draht. Wir schauen uns an und lachen und lehnen es zurück. Da drin war der Cache nicht. Jetzt sieht es schöner aus sagt mein Bruder, das schiefe Rohr. Den Cache finde ich wenige Meter weiter an einem Fenstergitter. Fotologgen und weiter.
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Wir laufen und laufen und machen einen Toilettenstop beim Bruder. Er will mir noch eine Bar zeigen, die etwas weiter liegt. Zwischendurch habe ich das Gefühl, keinen einzigen Schluck mehr trinken zu können und keinen einzigen Bissen essen zu können, doch als wir dann ankamen ging noch ein Vodka Lemon. Danach war ich schon todmüde und die Bar machte dicht, also ab nachhause. Es ist so normal hier, dass ich um die Häuser ziehe. Ist das Leben? Zumindest ist es Genießen und das Gefühl eines Zugangs zum Bruder stellt sich ein. Adrian war noch nachtschichtgeprägt und nicht müde, für mich ging es dennoch ins Bett und ohne Nachdenken schlief ich ein.

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