Von Hallerndorf nach Hallerndorf

26. Januar 2014
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Hallerndorf-Effeltrich
Etappe 2

Schon am Abend zeigte sich, dass Laufen nur unter Schmerzen möglich ist. Während ich eigentlich davon ausging, dass mir der ganze Körper weh tut, insbesondere die Gelenke, und ich mich deswegen auf der zweiten Etappe quälen werde müssen, zeigte sich dass nicht meine Gelenke oder Muskeln ein Problem dar stellten. Das war alles in Ordnung, ich hätte schmerzfrei gehen können, wenn da nicht…. die Blasen an meinen Fersen gewesen wären.

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Zum Frühstück humple ich mehr oder weniger. Ich weiß, dass ich jederzeit abgeholt werden oder öffentlich zurück fahren kann, falls es nicht mehr geht. Dennoch laufe ich los. Mein Hemd ist noch ein bisschen feucht, also nehme ich das Ersatzhemd. Auch die Socken sind noch nass (ich habe sie nicht anständig ausgebreitet, sonst wären sie trocken gewesen) und auch hier muss ich auf das Ersatzpaar zurück greifen. Die Hose ist trocken, und durch den gestrigen Regen sogar fast wieder sauber. Es ist frisch und stark bewölkt, obwohl ich nach dem Frühstück ein paar Sonnenstrahlen abbekommen habe. Daher ziehe ich auch noch meine Trainingsjacke über das Hemd. Die (fast trockene) Jacke und die (klatschnassen) Wanderschuhe befestige ich am Rucksack. Auf Grund der Blasen trage ich meine Laufschuhe.

Gepäck schultern, auschecken (Mist, wieder weiß ich den PIN meiner EC-Karte nicht mehr… zahle dann eben mit Kreditkarte… was für ein Pilger), und los. Das Wetter sieht relativ beständig aus, ich mache mir keine Sorgen. Vor dem Gasthaus (das in meinen Augen mehr als die zwei Sterne verdient hat), checke ich meine Karte und stelle fest, dass das mal alles gar nicht stimmt, so wegtechnisch. Also greife ich aufs Handy zurück und nehme Google Maps und schon weiß ich, wo ich entlang muss. Ohne Routenplaner. Es liegt nicht daran, dass ich nicht mit Karte navigieren kann sondern daran, dass auf meiner Karte die Straßen nicht ordentlich eingezeichnet sind.

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Ich will zuerst nach Hallendorf, denn dort geht der offizielle Weg ja weiter. Es sind ungefähr drei Kilometer bis zur Kirche in Hallerndorf. Dort will ich einen Geocache heben und bis ich dort angekommen bin werde ich wohl wissen, ob ich weiter gehen kann oder nicht.

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Die ersten Schritte tun richtig weh, doch je länger ich gehe, desto besser wird es. Ich kann gehen, allerdings laufe ich weder rund noch schnell. Ich komme am Ortsausgang von Willersdorf an und möchte dann auf den Fahrradweg, den ich mir von meiner Karte habe einreden lassen. Direkt an der Bundesstraße ist dort ein Fahrradweg eingezeichnet. Den gibt es aber leider nicht. Das ist nun bereits das dritte Mal, dass die Karte absolut versagt, wenn ich Bamberg als Komplettversagen mit einrechne schon das vierte Mal. Man sollte meinen, dass ich irgendwann daraus lerne, oder?

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Was bleibt mir also Anderes, als direkt an der Hauptstraße entlang zu gehen? Nicht gerade prickelnd. Plötzlich auf halbem Wege entdecke ich einen Camino-Wegweiser und überlege, ob ich ihm folge. Nach meiner Karte (da war doch was) sollte der Weg direkt in Hallerndorf entlang gehen und da war ich noch lange nicht. Außerdem wollte ich ja den Cache heben und so entscheide ich mich, erst mal weiter nach Hallerndorf rein zu laufen. Es wäre jedoch schöner, wenn ich nicht direkt an der Straße laufen müsste. Immer wieder gehen kleine Feldwege ab, doch ich sehe schon von der Straße, dass sie enden. In meiner Karte (ähem) ist jedoch ein Feldweg eingezeichnet, der bis mitten in den Ort geht. Ich kann ihn schon sehen. Er ist geteert und macht genau den Bogen, der auch auf der Karte eingezeichnet ist. Wunderbar, ich wähle den Feldweg, der gleichzeitig schräg in Richtung Ort geht und mir so ein paar Meter spart. Kurz nach der Biegung lande ich an einem Hochsitz mit Warnschild und direkt daneben endet der Pfad. Mitten in der Pampa. Rund herum Feld und Wiese. Na toll. Wenn ich da jetzt durch gehe, werden meine Füße nass – schon wieder. Dabei hab ich am Morgen extra noch ein bisschen die Laufschuhe (die gestern außen am Rucksack hingen) gefönt und das Laufen war eigentlich halbwegs angenehm, so weit das eben möglich war. Den ganzen Weg wieder zurück, um dann an der Hauptstraße entlang zu laufen? Ich entscheide mich für die Wiese und hoffe, dass es geht. Immerhin kann ich am Rand zwischen Wiese und Feld gehen. Dennoch sind meine Füße und meine Hose schon nach wenigen Metern nass.

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Da das Laufen auf der Wiese so unangenehm ist, gehe ich doch wieder zur Straße. Allerdings nicht den Feldweg zurück sondern am Feldrand entlang. Versuche, so wenig wie möglich kaputt zu laufen, was mir auch gelingt. Nun stehe ich also wieder auf der Straße. Wunderbar. Es ist nicht mehr allzu weit bis zur Abzweigung nach Hallerndorf, das schaffe ich jetzt auch noch. Wenn ich laufe, hört es sich an, als würde ich durch Schlamm waten, so nass sind meine Füße und Schuhe. An meinem Rücken baumeln meine Wanderschuhe hin und her. Das war doch vorher nicht so, wieso baumeln die auf einmal so? Da ich gerade an einer Leitplanke entlang laufe, will ich nicht stehen bleiben (das wäre mitten auf der Straße). Ich gehe also zügig bis zum Ende der Leitplanke und das Baumeln wird immer mehr. Als ich endlich einen Schritt zur Seite machen kann, checke ich meinen Rucksack. Als ich ihn abnehme, fliegen mir meine Badeschlappen entgegen. Der Rucksack ist mittlerweile komplett offen. Kein Wunder, dass das so wackelt. Ein kurzer Blick in den Rucksack, er ist noch voll. Ein Blick auf die Straße hinter mir zeigt mir aber, dass ich ungefähr zweihundert Meter hinter mir meine Verbandstasche verloren habe. Sie ist wunderbar auffällig rot, so dass ich sie nicht übersehen konnte. Die Tasche war das oberste im Rucksack, und somit auch das, was am meisten zum Fallen prädestiniert ist. Nun gut, dann drehe ich eben um und sammle das Teil wieder ein. Den Rucksack lasse ich so lange an der Leitplanke stehen. Am Ende packe ich alles wieder zusammen und mache die Schuhe zusätzlich noch mit den Klettbändern am Rucksack fest, so dass sie weniger baumeln und hoffentlich auch den Rucksack nicht wieder öffnen. Wohl nicht so mein Tag heute.

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In Hallerndorf komme ich um halb Eins an, nachdem ich um 10.50 Uhr los gelaufen bin. Ich brauche also 1 Stunde und 40 Minuten für das kleine Stück. Es ist offensichtlich, dass weiter laufen absolut keinen Sinn hat. Effeltrich ist zwanzig Kilometer entfernt. Mit meinem Tempo (und ich kann nicht besonders schnell) schaffe ich das übermorgen. Ich texte also nach Nürnberg und mein Abholservice kündigt sich als unterwegs an. Bis zur Kirche hoch laufe ich aber noch! Dabei finde ich ein wunderbar verfallenes altes Fachwerkhaus. Ich mag sowas.

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Ich betrete die Kirche auch, denn ausnahmsweise hat mal eine Kirche auf dem Weg geöffnet. Ich bleibe kurz sitzen und halte inne. Ist es wirklich richtig, den Lauf jetzt abzubrechen? Ja, ist es. Ich bin nicht hier um mir etwas zu beweisen oder mich zu quälen. Ich wollte die Natur und das Laufen genießen. Und von Genuss kann beim Zustand meiner Füße keine Rede sein. Der Normalfall wäre eher, dass ich hart zu mir wäre und mich durch den Weg zwingen würde. Aber gerade habe ich eine andere Intention, und so muss das nicht sein. Mein Taxi ist unterwegs.

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Ich verlasse die Kirche wieder und mache mich auf die Suche nach dem Cache. Er ist schnell gefunden, steckt allerdings in einem Loch so tief, dass ich nicht hin komme. Ich weiß, dass das Logbuch total durchnässt ist und ich eh nur fotologgen kann, aber auch das will ich dann schon richtig machen. Mit der Hilfe von zwei abgebrochenen Zweigen (sie waren bereits abgebrochen, ich habe sie vom Boden aufgehoben) kann ich den Cache bergen und mein Logfoto machen. Seit Wochen ist das Logbuch so nass, das dokumentieren die Online-Einträge. Lustigerweise war es an einem Tag ganz plötzlich trocken laut einem Eintrag und einen Tag zuvor und einen Tag danach klatschnass. Da hat wohl ein Held falsch geloggt.

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Nach dem Cachen lasse ich mich auf einem Baumstumpf an der Kirche nieder und warte auf die Abholerinnen. Eine halbe Stunde später sind sie da und wir drehen noch eine kleine Runde mit dem Hund oberhalb von Hallerndorf (nicht in der Luft, sondern weiter hoch am Berg). Danach geht es zurück nach Nürnberg. Dort bin ich froh, die nassen Schuhe und Socken los zu werden und auch froh, die Entscheidung über die Beendigung des Weges getroffen zu haben.

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