Mailand – nur Mode oder was?

16. Oktober 2019
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Es ist inzwischen mehr als ein Jahr her, dass ich ein paar Tage in Mailand verbracht habe. Zeit wurde es also, endlich darüber zu schreiben. Es ist fast schon Tradition, dass ich mich an meinem Geburtstag nicht zuhause befinde. Ich habe im April Geburtstag und nur selten bin ich mit den äußeren Umständen zu dieser Jahreszeit zufrieden. Deswegen flüchte ich meist ins Warme. Letztes Jahr habe ich das aber leicht abgewandelt. Am Tag selber noch zuhause im engen Kreis gefeiert und am nächsten Tag alleine in Richtung Süden aufgebrochen.

Vor einem Jahr bin ich noch relativ unbedacht in den Flieger gestiegen, in Bergamo gelandet und mit dem Terravision Bus direkt in die Mailänder City gefahren. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde und kostet mich fünf Euro, darüber kann man sich nicht beschweren. Endstation ist der Mailänder Bahnhof, dessen Umgebung mir nicht besonders angenehm ist. Der Bahnhof selbst jedoch wirkt pompös, fast monströs. Irgendwie deplatziert und überdimensioniert, was aber wohl für s0 einige Bahnhöfe gilt. Auch ist es rund um Bahnhöfe nirgends so richtig schön. Ich erobere Orte gerne zu Fuß und verzichte daher zunächst auf weitere Verkehrsmittel und mache mich gehend auf in Richtung der größeren Sehenswürdigkeiten.

Über den unspektakulären Piazza della Republicca geht es gefühlt Ewigkeiten über eine Betonwüste. Nach einer Weile komme ich am Park Giardini Indro Montanelli an und laufe etwas angenehmer weiter. Es ist ziemlich warm und ein wenig Grün, frische Luft und weniger Beton und Stahl tut der Seele da schon gut. Am Ende des Parks bin ich dann schon sehr nah und die Gegend ändert sich schlagartig. Heute würde ich für dieses Stück wohl in die Metro steigen. Ich muss durch ein steinernes Tor und bin in einer anderen Welt. Plötzlich liegt ein Modeladen neben dem anderen. Auch die Fußgänger um mich herum haben sich geändert. Keine Jogginghosen mehr zu finden, kaum Jeans. Eher geht es in Richtung Anzug und Kostüm. Das ist nicht unbedingt meine Welt, aber es ist dennoch spannend anzusehen. Zunächst habe ich den Eindruck, dass man das hier eben trägt, weil man hier in einem der Läden arbeitet. Doch im Laufe der Tage stellte ich fest, dass die Mailänder auch in ihrer Freizeit sehr chic gekleidet unterwegs sind. Ich habe mit Mode so gar nichts am Hut und kann mit diesem Teil Mailands demnach nichts anfangen. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass man hier auch sehr begeistert sein kann.

Nach und nach wird die Straße immer schmäler und die Bürgersteige werden voller. Und die Gebäude werden gleichzeitig älter und sehen südländischer aus. Fensterläden, Balkone, etwas abblätternde Farbe. Genau das hatte ich mir erwartet von einer italienischen Stadt. Und plötzlich stehe ich also vor der Scala und hätte es fast nicht gemerkt. Vorgestellt habe ich mir das Teatro Scala sehr pompös und verschnörkselt, riesengroß und mächtig. Das implizieren für mich Name und Ruf. Doch das Gebäude unterscheidet sich gar nicht so sehr von den anderen drum herum. Ich bin ehrlich gesagt sogar etwas enttäuscht. Ich hatte kein Bild vor Augen, habe so etwas in der Art wie die Dresdner Semperoper erwartet. Ohne das entsprechende Hinweisschild und einer doppelten Überprüfung im Internet hätte ich das Gebäude nicht einmal als Scala identifiziert. Selbst der Bahnhof war schöner.

Dementsprechend gehe ich auch recht schnell weiter. Ich bekomme langsam ziemlich Durst, und nun tut sich ein kleines Problem der Mailänder Innenstadt auf. Dieses Problem verfolgt mich auch in den nächsten Tagen: Es gibt keine Supermärkte rund um die Sehenswürdigkeiten. Ich könnte mir an einem Straßenstand eine kleine Flasche Wasser für einen Preis zwischen drei und fünf Euro kaufen, doch ich bin nicht Krösus und kann mir solche Preise nicht leisten. Meine ziemlich traurige Lösung hierfür heißt McDonalds. Und so werde ich in den nächsten Tagen Stammgast der Fastfood-Kette, allerdings konsumiere ich dort nur Getränke.

Direkt neben der Scala komme ich dann in eine Galerie, deren Existenz mir auch nicht bewusst war. Offensichtlich hatte ich mich im Vorfeld nur sehr wenig über mein Reiseziel informiert und mich vor Ort überraschen lassen. Denn natürlich ist die Galleria Vittorio Emmanuele weltweit bekannt. Heller, fast weißer Stein und Glaskuppeln machen sie zu einem lichtdurchflutetem Shopper-Paradies für den großen Geldbeutel. Wer Gucci, Versace, Prada und Armani kaufen möchte, der ist hier richtig. Die Galerie ist extrem voll mit Touristen, auch ich laufe in den nächsten Tagen immer wieder hier durch. Das McDonalds ist direkt nebenan, und jedes Mal nehme ich den Weg durch die Galerie, weil sie mir einfach so gut gefällt. Durch den Lichteinfall und den hellen Stein wirkt es nicht nur hell und freundlich sondern irgendwie magisch funkelnd. Die Galerie ist ungefähr so, wie ich mir die Scala vorgestellt hatte und ich fühle mich entschädigt.

Direkt aus der Galerie stolpert man dann auf den Mailänder Domplatz. Spätestens hier ist meine Erwartung von Prunk dann erfüllt. Der Vorplatz ist sehr groß und voll mit Menschen – ein buntes Gemisch aus Touristen, Einheimischen und Straßenhändlern, die mit Sonnenbrillen, Armbändern und Selfiesticks durch die Menge laufen. Man wird dementsprechend sehr häufig angesprochen, aber im freundlichen und trotzdem bestimmten „Hallo, nein Danke“ bin ich seit meinem Trip nach Indien sehr gut. Zunächst umrunde ich den Dom und besuche ihn nicht sofort. Mein erster Mailänder Kirchenstop ist die Santa Maria presso San Satiro. Dieser Komplex aus Sakralbauten ist sozusagen ein kunstgeschichtlicher Schatz aus völlig verschiedenen Epochen.

Für den ersten Abend hatte ich ursprünglich einen ganz besonderen Plan und dementsprechend auch meine Unterkunft gewählt. Hotels in Mailand waren so unfassbar teuer, dass ich mich schnell für AirBNB entschied. Dort wohne ich gemeinsam mit meiner Gastgeberin in ihrer Wohnung, die weit außerhalb liegt. Ausschlaggebend war die Nähe zum Fußballtempel San Siro. Seit ich zehn Jahre alt war, habe ich hierzu einen speziellen Bezug. Damals fieberte ich bei der Weltmeisterschaft noch für Deutschland. So macht man das eben als Kind. Und die Deutschen mit den Mailänder Legionären Brehme, Matthäus und Klinsmann spielten damals in Mailand. Schon seitdem war für mich klar, dass ich dieses Stadion sehen will. Bis zum heutigen Tag hatte ich es nicht geschafft, doch nun sollte es endlich so weit sein. Für den heutigen Tag war ein Spiel des AC Mailand angesetzt, ein Abendspiel unter der Woche. Deswegen wollte ich eine Unterkunft, die nah am Stadion ist, damit ich nicht nachts noch durch die ganze Stadt muss. Wenige Tage vor meiner Ankunft wurde dann das Spiel auf den vorherigen Tag verlegt. So gesehen war also mein ganzer Trip nach Mailand umsonst und ich muss nochmal her, egal ob mir der Ort nun gefällt oder nicht. Meine Unterkunft lasse ich nun aber bestehen. Ich erreiche sie mit der Ubahn und einem anschließenden Fußweg. Hier finde ich auch endlich einen kleinen Laden und kann sowohl Getränke als auch einen Snack kaufen und habe am nächsten Tag ein Frühstück. Das Stadion ist in Sichtweite, rundherum befinden sich nur alte Hochhausblocks und ein Militärgelände. Die ganze Gegend ist ziemlich hässlich.

Meine Gastgeberin war sehr nett, dennoch ist es etwas komisch mit ihr zu kommunizieren. Sie spricht kein Wort Englisch, eigentlich nur Italienisch. Ich wiederum spreche ungefähr fünf Worte Italienisch. Also nutzen wir Übersetzer und teilweise sitzen wir nebeneinander und schreiben uns Nachrichten über die Plattform AirBNB, weil dort automatisch in unsere eigene Sprache übersetzt wird. Man muss sich nur zu helfen wissen. Als ich dann realisiere, dass es kein richtiges Gästezimmer gibt, kriecht Panik in mir hoch. Ich schauebewusst immer nur nach Unterkünften mit eigenem Zimmer, auch als ich viel mit Couchsurfing unterwegs war, habe ich das so gehandhabt. Doch hier gibt es nur einen Raum mit Bett. Es dauert eine Weile, bis ich verstehe, dass mir das Schlafzimmer geopfert wird und meine Gastgeberin im Nachbarraum (eigentlich Ankleide) auf einem klappbaren Bett schläft. Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn für mich gehört eher der Gast auf ein Klappbett. Andererseits zahle ich ja auch dafür, dass ich ein anständiges Zimmer habe.

Am nächsten Morgen werde ich von meiner Gastgeberin sogar ein Stück mit dem Auto mitgenommen, so spare ich mir etwas Zeit und den Fußweg zur Metro, der sich doch immer ein bisschen zieht. Auch hier bestätigt sich der erste Eindruck, dass es abseits von Mailands Innenstadt eher dreckig und hässlich aussieht. Sechziger Jahre Plattenbau, seit den Sechzigern nicht mehr renoviert, modernisiert oder mal mit frischem Anstrich versehen. Alles ist von Abgasen geschwärzt. Ich bin froh, als ich wieder in der Stadt bin. In Bande Nere springe ich aus dem Auto und in die Metro, die mich direkt am Dom wieder ausspuckt. Heute ist er von innen fällig. Tickets gibt es nebenan im Shop, die Warteschlangen sind sehr groß. Vor dem Einlass gibt es eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen, die Eingänge werden vom Militär überwacht, inklusive Maschinengewehren. Generell freue ich mich über Sicherheit, doch hier wird wirklich übertrieben. Vor mir stehen viele Schüler und ich weiß, dass sich Jugendliche in Gruppen oftmals schwer tun mit anständigem Verhalten. Aber hier warten sie unerwartet geduldig und still. Doch die Soldaten sind sehr penibel, schikanieren mehrere Jugendliche vor mir. So müssen sie zum Beispiel nochmal ein paar Zentimeter zurück gehen, und es geht wirklich nur um Zentimeter. Gerade stehen. Dann wird etwas gewartet, bis der Jugendliche lang genug fünf Zentimeter weiter hinten gerade gestanden hat und die Schlange stockt so lange. So dauert es wirklich eine ganze Weile, bis ich drin bin.

Innen angekommen bin ich schnell überwältigt, denn von innen wirkt der ganze Bau noch größer als von außen, und ich habe ihn ja am Vortag sogar mehrfach umrundet. Eigentlich sollte ich daher genau wissen, wie groß der Dom ist. Ich kann bis heute nicht sagen, was mich am meisten fasziniert hat. Der Boden mit seinen vielen Ornamenten, die vielen kleinen Altäre und Kapellen, die bunten riesengroßen Fenster, die Vielzahl massiver Säulen, die Größe an sich. Ich fühle mich irgendwie erschlagen und verbringe trotzdem viel Zeit im Inneren.

Auf Empfehlung meiner Mailänder Gastgeberin laufe ich anschließend größtenteils durch Fußgängerzonen mit Gebäuden, die in meiner Vorstellung auch eher die Scala hätten sein können, aber zum Beispiel nur Sitz einer Bank sind, zum Castello Sforzesco. Der Weg ist gesprickt mit Läden und Restaurants, und ein mal will ich mir einen Restaurantbesuch gönnen. Ich entscheide, dass es jetzt an der Zeit ist und gönne mir Pasta und ganz exquisit: Wasser. Für Wein ist es mir zu warm und ich habe noch zu viel vor.

Die Siloutte des Castellos sieht man schon von Weitem. Vor dem Castello gibt es einige Installationen zum Mitmachen, zum Beispiel Musik, die auf die Anzahl und Geschwindigkeit der Schritte reagiert, die über ein Podest laufen. Straßenkünstler versuchen sich musikalisch und mit diversen anderen Darbietungen. Zwar sind hier auch Touristen unterwegs, ich bin jedoch über die geringe Anzahl an Ausländern überrascht. Vorwiegend treffe ich hier auf junge Italiener, die in kleinen Grüppchen unterwegs sind. Das war auch beim Besuch im Dom schon so und ich frage mich, ob heute möglicherweise mailandweit Wandertag für Schulklassen ist.

 

Im Castello kann man vieles auch ohne Eintritt ansehen, so dass ich mich tatsächlich dafür entscheide, auf die eintrittspflichtigen Räume zu verzichten. Unter Anderem hat Leonardo da Vinci am Bau des Castello mitgewirkt. Das Schloss ist mehr ein System an Bastionen als ein schmuckes Schloss, und dementsprechend sieht es auch aus. Mächtig und massiv. Der Innenhof ist weitläufig und begrünt und ich halte mich einige Zeit hier auf. Die Sonne brennt auch heute und meiner empfindlichen Haut wird das schnell zu viel. So entscheide ich mich, jetzt lieber noch etwas Zeit im angrenzenden Park und dort möglichst viel im Schatten zu verbringen. Der Park ist superschön angelegt und beherbergt die ein oder andere Überraschung, zum Beispiel eine ganze Kolonie Schildkröten.

 

Da ich auch heute so gut wie jede Strecke zu Fuß zurück gelegt habe und nur für den Weg von und zur Unterkunft die Metro benutzt habe, zeigt der Schrittzähler auch heute wieder über 20000 Schritte an. Damit bin ich zufrieden und ziehe mich auch heute gar nicht so spät in meine Unterkunft zurück. Am nächsten Tag geht es schon früh wieder in Richtung Bergamo und mit dem Flieger nachhause.

Mein erstes Fazit über Mailand ist sehr zwiegespalten. Außen pfui, innen hui? Die Randbezirke sind wirklich hässlich, doch im Zentrum ist es eigentlich ganz nett. Ich fühle mich überall sicher, aber massiv unterversorgt mit Getränken. Das Nachtleben habe ich noch nicht kennengelernt, nur etwas Kultur und Geschichte geschnuppert. Der Dom, die Gallerie und das Castello waren es auf jeden Fall wert, von mir ausgiebig besucht zu werden. Wer an Mode interessiert ist, befindet sich hier wirklich im Paradies, auch unabhängig von Messen und Ausstellungen. Für eine kleine Alltagsflucht ist Mailand völlig okay. Dennoch glaube ich, dass ich Mailand nicht erneut besuchen würde, wenn ich nicht nochmal zum Fußball hierher müsste. Mir ist zwar bewusst, dass keine Millionenstadt gibt, die ausnahmslos überall schön ist, doch wirklich gefallen hat mir nur der Kern des Zentrums, und der ist in kurzer Zeit zu Fuß abgehakt. Zwei oder drei Tage kann man hier wunderbar verbringen. Mehr muss nicht.

 

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